Schornstein als Risiko

Die Tokyo Zeitung lässt die Zügel nicht locker und beobachtet die Situation des havarierten AKW Fukushima I weiter mit kritischen Augen. Als sie im Februar wieder einmal das Kernkraftwerk besuchte, hat sie einige Fotos geschossen, die danach präzis analysiert wurden.

Der Schornstein bei den Blöcken 1 und 2 gilt unter Experten schon lange als Risiko. Er ist brüchig und manche hegen Befürchtung vor einer Stürz.

Nun fanden die Journalisten der Tokyo Zeitung erneut eine gebrochene Stelle an einer Stütze der rund 120 Meter hohen Konstruktion. Der AKW-Betreiber Tepco hatten bis jetzt selbst insgesamt acht gebrochene oder beschädigte Stütze an vier Stelle festgestellt.

Durch den Schornstein wurde bei dem Atomunfall vom März 2011 der radioaktiv verseuchte Dampf ausgestossen. Deshalb ist er heute noch sehr stark verschmutzt. Tepco will den oberen Hälfte der Konstruktion bis 2019 demontieren, weil die Gefahr eines Einsturzes bei einem grossen Erdbeben besteht.

Fukushima wurde am 22. November 2016 und zwei Tage später von einem Erdbeben der Stärke 7.4 bzw. 6.1 heimgesucht. Der Seismologe Hideki Shimamura betrachtet sie als Nachbeben von dem verheerenden Erdbeben vom 11. März 2011 und prophezeit, dass der Boden von Tohoku noch 100 Jahre lang immer wieder beben würde. „Ein Nachbeben der Stärke 8 kann jede Zeit wieder dieses Gebiet heimsuchen“, warnt er.

Botschaft von Frau Ruiko Muto

Botschaft von Frau Ruiko Muto, Sprecherin der Klägergruppe gegen TEPCO und Repräsentantin der Gruppe Frauen von Fukushima

 

Allen auf der Welt, die mit den Opfern der Atomkatastrophe von Fukushima fühlen und ihnen immer noch verbunden sind, meinen herzlichen Dank.

Bald wird auch dieses Jahr wieder ein 11. März sein. Und wie an diesem Tag vor sechs Jahren fällt auch heute leichter Schnee. Das Erdbeben einer Stärke von knapp fünf im November letzten Jahres hat für viele einen Flashback auf den 11. März 2011 mit sich gebracht und wieder ins Bewusstsein gerufen, wie tief die Verletzungen waren.

Zur Zeit werden die Evakuierungsanordnungen nach und nach aufgehoben und Maßnahmen propagiert, um die Leute zur Rückkehr zu bewegen. Zur Rückkehr allerdings nicht, weil man sagen könnte: „Es ist wieder sicher, bitte kommen Sie zurück.“ Rückkehr bedeutet vielmehr:

„Nach der Dekontamination Ihrer Gemeinde gibt es zwar immer noch radioaktive Substanzen – aber leben Sie bitte dort und nehmen das halt in Kauf.“ In den Gebieten, für die die Evakuierungsanordnung bald aufgehoben werden soll, türmt sich der Dekontaminationsmüll zu Bergen; es werden Verbrennungsanlagen gebaut, um die Menge zu verringern. Zum 1. April soll die Evakuierungsanordnung für Tomioka aufgehoben werden, wo die durchschnittliche Ortsdosis bei 0,65 MikroSievert pro Stunde liegt. Die Hälfte der Einwohner will nicht dorthin zurückkehren.
In die im letzten Jahr freigegebenen Orte Naraha, Minamisoma und Katsurao sind bisher nur knapp zehn Prozent der Einwohner zurückgekehrt.

Im Rahmen der Rückkehrpolitik setzen die japanische Regierung und die Präfektur Fukushima verstärkt darauf, für die in anderen Regionen lebenden Evakuierten nicht länger die Wohnkosten zu übernehmen.

Als ob ihr Leben durch den Atomunfall nicht schon genug beeinträchtigt worden wäre, verlieren die Strahlenflüchtlinge ihre Wohnung oder geraten in wirtschaftliche Schwierigkeiten, wenn diese Maßnahmen umgesetzt werden. Familien werden getrennt, aus der allmählich vertraut gewordenen Umgebung muss man wieder weg, muss zurückkehren, wohin man nicht will, und hat jede Mengeanderer Schwierigkeiten.

Auf der anderen Seite gibt es für die Aufhebung der Siedlungsbeschränkungen und die Ansiedlung neuer Unternehmen ein riesiges Wiederaufbaubudget. Die Präfektur Fukushima hat das Ziel ausgegeben, bis 2020 die Zahl der Evakuierten auf Null zu senken, und plant daher die Dekontamination auch der höchstbelasteten Evakuierungsgebiete und die Einrichtung sogenannter Modell-Regionen. So wird 4 Kilometer entfernt von der Anlage Fukushima Dai’ichi ein Archivgebäude errichtet, das 5 Milliarden Yen – ungefähr 39 Millionen Euro – kosten soll. Wie es heißt, sollen dorthin Klassenfahrten von Oberschulen stattfinden, um den Atomunfall und seine Folgen zu vermitteln.

Aber der Atomunfall ist auch heute noch nicht bewältigt.Immer noch steigt die Zahl der mit kontaminiertem Wasser gefüllten Tanks. Die Eiswand, die mit hohen Erwartungen verbunden war, ist anscheinend ein fast völliger Fehlschlag. An den Stahlstützen für die 120 Meter hohen Ablufttürme von Reaktor Eins und Zwei nehmen Löcher und Risse zu – wann werden sie wohl zusammenbrechen? Kürzlich wurden Fotos aus dem Inneren von Reaktor Zwei veröffentlicht und bekannt gegeben, dass die Strahlung dort 650 Sievert pro Stunde beträgt. Es gibt auf dem Kraftwerksgelände viele Stellen, denen sich auf Jahrzehnte kein Mensch nähern kann.
Unter den Kindern der Präfektur Fukushima gibt es jetzt 184 mit Verdacht auf Schilddrüsenkrebs, davon sind 145 tatsächlich als Krebs bestätigt. Nach Angaben der Stiftung für schilddrüsenkrebskranke Kinder sind auch außerhalb der Präfektur in Gebieten, wo die Radio-Jod-Wolke durchzog, Schilddrüsenkrebse im fortgeschrittenen Stadium gefunden worden. Jeder macht sich Sorgen um die Gesundheitsschäden durch die Verstrahlung. In den Behelfsunterkünften und an den Fluchtorten erkranken immer mehr Menschen an Depressionen. Seit 2014 steigt die Selbstmordrate plötzlich steil an.

Weiträumig und mit enormer Energie werden Kampagnen zu Radioaktivität und Sicherheit durchgeführt, die sich an junge Leute und Kinder richten. Im Sommer letzten Jahres wurde eine sehr zweifelhafte Bildungseinrichtung zum Thema Radioaktivität eröffnet, die schon
30.000 Menschen besucht haben. Zum Jahresende haben Oberschüler die Aufräumarbeiten im Kraftwerk Fukushima Dai’ichi besichtigt – also an einem Ort, an dem unter Achtzehnjährige aus Strahlenschutzgründen nicht arbeiten dürfen.

Wenn ein Atomkraftwerk einmal eine Katastrophe verursacht, sind Erde, Meer, Berge und Wälder für mehrere hundert Jahre verstrahlt, und die Menschen werden ihrer Rechte als Menschen beraubt.

Man wird gezwungen, die Gefahren hinzunehmen und zu resignieren, das Leben wird auseinandergerissen und das Recht der Selbstbestimmung wird verletzt.
Kein Atomkraftwerk auf dieser Erde darf weiter in Betrieb sein!
Atomkraftwerke und das Leben in all seinen Formen schließen einander aus! Sorgen wir dafür, dass der tragische Unfall von Fukushima der letzte gewesen ist!
Für dieses Ziel schließen wir Geschädigte uns zusammen, wir stehen auf und werden laut.
In diesem Jahr wird es bei zahlreichen Zivilprozessen zu letzten Verhandlungen kommen. Auch einige Strafprozesse werden beginnen, in denen die Verantwortung für den Unfall geklärt werden soll.

Ganz gleich, wie schwach sie leuchtet, lasst uns die Glut in unseren Herzen weitertragen!
Wir Frauen von Fukushima arbeiten zusammen mit allen auf der Welt, die das auch wollen, für eine Zukunft, in der wir anders leben können.

 

Aus dem Japanischen von Annette Hack und Yu Kajikawa (Sayonara Nukes Berlin)

Zur Rückkehr nach Iitate

Die japanische Regierung und der Gemeindepräsident von Iitate wollen am Ende März unbedingt die Sperrzone von Iitate aufheben, obwohl das Risiko der hohen Strahlenbelastung nach wie vor gross ist und unter den Einwohnern Unsicherheit herrscht.

Der privaten Webzeitung „Volksstimme“ zufolge fand am 12. Februar ein von der Gemeinde und Tokyo organisiertes Einwohnertreffen in Iidate statt, zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Die Medienschaffenden mussten draussen bleiben und auf die Stimmen aus Lautsprecher lauschen. Dabei kündigte der Gemeindepräsident von Iitate an, dass er sich künftig mehr um die Zurückgekehrten kümmern will. Das heisst, diejenige, die weiterhin in einem anderen Ort wohnen wollen, bekommen immer weniger Unterstützung.

Die Rückkehrer erhalten zum Beispiel als Umzugskosten maximal 200’000 Yen (ca. 180 Franken) und 500’000 Yen für den Bau eines eigenen Gemüsegartens.

An diesem Treffen teilnahmen vorwiegend die Einwohner, die bereit sind, nach Iidate zurückzukehren. Sie können seit letztem Juli längerfristig zu Hause bleiben, um das Haus zu reinigen und um für den Neuanfang vorzubereiten. Sie äusserten sich beim Treffen deshalb eher Sorgen um die Kriminalitätsprävention, medizinische Versorgung, Einkaufsmöglichkeiten oder Müllabfuhr als Angst vor Strahlung. Doch wurden auch Bedenken gegen Trinkwasser oder nicht dekontaminierten Hügel hinter dem Haus zum Ausdruck gebracht.

Im Dorf sind heute unzählige flexible Behälter auf einer grossen Fläche aufeinandergestapelt. Jeder Behälter enthält radioaktiv verseuchte Erde. Die japanische Regierung weiss nicht, wann sie vollständig aus der Gemeinde ausgetragen werden können. Die Strahlendosis der Gemeinde bewegen sich zwischen 0.145 und 2.195 µSv/h (Stand 22. Feb. 2017). https://www.f-map.biz/radiMap_iitate/index

Wiederverwendung der verseuchten Grasfutter

Das Kernkraftwerk Fukushima I hat bei dem Atomunfall vom 11. März 2011 radioaktives Cäsium weit und breit über Japan zerstreut. Die Gemeinden im Nordostjapan zerbrechen sich heute noch den Kopf über die Entsorgung der radioaktiven Abfälle vom Agrar- und Forstwesen.

Die Stadt Ichinoseki in der Präfektur Iwate verbrennt mit Radioaktiv verseuchtes, jedoch den Grenzwert von 8000 Bq/kg nicht überschrittenes Grasfutter mit normalen Abfall zusammen. Bis Ende November 2016 wurden laut der Lokalzeitung Kohoku Shinpo rund 60 % des geschätzten Gesamtgewichts von 6’538 Tonnen, die aus Ichinoseki und Hiraizumi stammen, verbrannt. Die Asche wird vergraben. Die Cäsium-Konzentration des Grasfutters beträgt im Schnitt 1’786 Bq/kg. Allerdings stellte es sich auch heraus, dass zwischen 2012 und 2013 stärker verseuchtes Weidegras dort verbrannt worden war. Ab dieses Jahr wird das Gras vor der Verbrennung pelletisiert, um es vor Verderb zu schützen. Reisstroh, Misthaufen und Holzstück mit höherer Radioaktivität werden nach wie vor in 80 Zelten, die in der Stadt Ichinoseki verteilt sind, aufbewahrt.

Die Stadt Kurihara in der Präfektur Miyagi hat entschieden, das mit Radioaktivität verschmutzte Grasfutter zu kompostieren. Die Recycle-Firma Kyowa Kako in Tokyo hatte im Auftrag von der Stadt getestet und bestätigt, dass die radioaktiven Stoffe vom Kompost auf die Pflanze nicht übertragen waren.

Auch die Stadt Tome will Gras und Holzstück von niedriger Verseuchung (<4’000 Bq) mit der Erde mischen und in den Boden zurückversetzen.

Wiederverwendung der redioaktiven Abfälle

Japanische Medien berichteten Anfang dieser Woche, dass das japanische Umweltministerium im Dezember in der Stadt Minami-Soma mit dem Test für Wiederverwertung der radioaktiv verschmutzten Erde begonnen hatte. Das Ministerium will radioaktive Abfälle als Baumaterial für Strassen- oder Deichbau wiederverwenden, um die immense Abfallmenge zu reduzieren. Die Konzentration des radioaktiven Cäsiums soll dabei weniger als 8’000 – 5’000 Bq/kg sein, damit die Bestrahlungsdosis bei Arbeitern und Bewohnern weniger als 1 mSv pro Jahr bleibt.

 

Für den Test werden insgesamt 1’000 m3 verstrahlte Erde verwendet. Einige Jahre lang wird bei den befestigten Erdsockeln die Strahlendosis gemessen und Massnahmen gegen Erdrutsch werden geforscht.

 

Man erwartet allerding Widerstand der Bewohner, sollten die Abfälle wirklich beim Bau der öffentlichen Infrastruktur verwendet werden, und es ist auch nicht klar, ob die Überwachung der Strahlung langfristig sichergestellt werden kann. Die Bürgergruppe „Citizens’ Nuclear Information Center“ kritisiert auf ihrer Website, dass das Ministerium so einen hohen Grenzwert für Wiederverwertung erlauben will, und fordert den Widerruf des ganzen Plans.