Beunruhigende Gesundheitssituation in Tokyo

Herr Shigeru Mita ist Facharzt für innere Medizin. Sein Vater war auch Arzt und hatte eine Praxis in Tokyo. Herr Mita übernahm sie, aber nach dem Atomunfall von Fukushima zog er in die Präfektur Okayama, in den Westen, um. Vor dem Ausziehen aus der Hauptstadt Japans hatte er bereits zahlreiche Bewohner im Grossraum Tokyo untersucht und behandelt. In ihrer Krankheit sieht Herr Mita oft einen Zusammenhang mit dem AKW-Unfall.

Ihm fiel auf, dass seine Patienten immer mehr unter abnormales Nasenblut, Unterhautblutung, Schwellung an Lymphdrüse, Durchfall, Beschwerde am Atmungssystem, Unheilbarkeit oder zu langsame Heilung von Verletzungen leiden. Auch typische Kinder- und Erwachsenenkrankheiten treten in untypischen Altern auf, schreibt er auf seiner Website.

Mit einem Bluttest von rund 4’000 Menschen während fünf Jahren erkannte er, dass sich die Abnahme des weissen Blutkörperchens vor allem beim Säuglingen und Kleinkindern im ganzen Tokyo verbreitet hat. Für ihn ist es eine klare Tatsache, dass es diesen Gesundheitsschaden im Grossraum Tokyo gibt. Die Situation von Tokyo ist sogar schlimmer als in den Regionen von Fukushima, die relativ wenig konterminiert worden sind, oder nördlich von Tokyo.

Er beobachtet ausserdem, dass die folgenden Symptome seit 2016 rapid und stärker auftreten: Gedächtnisschwäche, Müdigkeit, Verschlechterung des Konzentration-, Urteils-, sowie Begriffsvermögens und unkontrollierbare Schläfrigkeit. Als klinischer Arzt erlebt er auch seit einigen Jahren nach dem Atomunfall immer mehr Patienten, bei denen ein Nachlassen vielseitiger Vermögen zu beobachten ist. Sie holen sich schnell eine leichte Krankheit, es gibt keine entsprechende oder verspätete Zunahme des weissen Blutkörperchens bei einer Infektion und die Heilkraft des verletzten Gewebes hat sich verschlechtert. Er untersuchte die Ursache und behandelt seine Patienten. Nach der Behandlung fühlen sich 70 bis 80 % besser, schreibt Herr Mita. Der ausführliche Bericht ist hier auf Englisch zu lesen.

Merkwürdige Atmosphäre

Die Gruppe „National Parents Network to Protect  Children from Radiation“ wurde kurz nach der Atomkatastrophe von Fukushima gegründet, um, wie der Name zeigt, Kinder vor der Radioaktivität zu schützen. Sie führte kürzlich ein Interview mit Frau Dr. Hisako Sakiyama und veröffentlichte es in ihrem Blog. Frau Sakiyama ist die Direktorin der Stiftung „3.11 Fund for Children with Thyroid Cancer„, die die Kinder mit Schilddrüsenkrebs auf verschiedene Weise unterstützt und die Gesundheitssituation nach dem Unfall vom 11. März 2011 untersucht.

Wenn Kinder und Schwangere gesundheitliche Probleme durch die Strahlenbelastung, die der Unfall verursacht, bekommen, sollte die japanische Regierung gemäss einem nach dem Unfall von Fukushima erlassenen Gesetz ihnen finanzielle Unterstützung leisten. Es fehlt jedoch die Grundlage, sagt Frau Sakiyama, um diejenigen, die ausserhalb der Präfektur Fukushima wohnen und nach der Atomkatastrophe Schilddrüsenkrebs diagnostiziert worden sind, zu unterstützen. Die Stiftung bezahlt ihnen 100,000 Yen (rund 870 Franken) für die Kurkosten, bis diese Pflicht der Regierung im Gesetzbuch festgelegt wird. Sie arbeitet auch an die Realisierung.

Die ehemalige Chef-Forscherin des National Instituts für Quantum und Radiologische Wissenschaft und Technologie hat ausserdem herausgefunden, dass es einen bisher unbekannten „Kanal“ im Gesundheit-Beobachtungssystem von der Präfektur Fukushima gibt. Wenn jemand in diesen Überwachungs-Kanal geschickt und danach Schilddrüsenkrebs durch einen operativen Eingriff herausgenommen wird, landet der Fall mit grosser Wahrscheinlichkeit nicht im Statistik, meint Frau Sakiyama.

Bekannt ist ihr ein Fall, bei dem es sich einen vierjährigen Knaben handelte. Er wurde im Unispital Fukushima operiert, aber sein Name steht nicht im Statistik des für die Studie zuständigen Organs. Frau Sakiyama ist sicher, dass die Ärzte des Unispitals von der Operation Kenntnis hatten. Aber sie behaupten im Gegenteil, dass es in Japan, anders als in Tschernobyl, kein Krankheitsfall von Kinder, die jünger als fünf Jahre, gibt. Sie wollen damit sagen, deshalb geht man eher davon aus, der heute häufig vorkommende Schilddrüsenkrebs bei Kindern hänge nicht mit dem Atomunfall zusammen. Aber Frau Sakiyama läutet die Alarmglocke, weil es die Glaubwürdigkeit der Studie aufs Spiel setze.

Sie spürt auch eine merkwürdige Atmosphäre in Fukushima. Es störe den Wiederaufbau, wenn man von der radioaktiven Kontaminierung und gesundheitlichen Folgen der Strahlenbelastung spreche, heisst es dort. Selbst Mütter können nicht mehr miteinander offen reden. Am schlimmsten findet Frau Sakiyama die Haltung der Regierung, die den Kindern nicht richtige Kenntnisse über die Radioaktivität und Strahlenbelastung beibringen will.

Wir wollen Tschernobyl-Gesetz auch in Japan

Ise-Shima: Der Name wurde weltweit bekannt, als das G7-Gipfel 2016 auf einer schönen Insel Kashikojima in der Region stattfand.

Aus diesem bildschönen Ort erreichte mich vor einigen Tagen eine Message. Sie stammt von Masami Ueno, der Vertreterin der Gruppe „Fukushima/Ise-Shima“, die seit Sommer 2011 immer wieder Kinder von Fukushima nach Ise-Shima einlädt.

Über einen Umweg kam ihre Botschaft in die Schweiz an. Es geht um „Tschernobyl-Gesetz“. So ein Gesetz soll man in Japan auch errichten. Diese Gruppe sieht die Notwendigkeit der fortdauernden und langfristigen Unterstützung für die Kinder zur Kur, um ihre Strahlenbelastung zu vermindern.

Das Tschernobyl-Gesetz erwähnt ausdrücklich, dass der Staat verantwortlich für die Atomkatastrophe ist, und garantiert das bedingungslose Recht auf Ausziehen aus dem Wohnort bei allen Bewohnern von einem Ort, in dem die jährliche Strahlenbelastung über 1 mSv beträgt.

Ich war etwas überrascht, als ich von der Gruppe erfahren habe, und gleichzeitig stolz, weil sie aus meiner Heimatregion stammt.

Ihre Botschaft zum Vorschlag „Tschernobyl-Gesetz in Japan“ ist hier auf Englisch zu lesen.