Nach der Atomkatastrophe von Fukushima fangen viele Menschen an, um ihr Recht zu kämpfen. Sie wurden von ihrer Heimat vertrieben oder entschied sich, in einem anderen Ort zu leben, um sich und ihren Liebsten vor der Radioaktivität zu retten. Oft wurden sie diskriminiert, viele schweigen heute. Aber verschiedene Prozesse laufen noch. Hier können Sie die Stimme einer 26-jährigen Frau lesen. Ihre Erfahrung, ihre Gefühle. Was eine Atomkatastophe einem antun kann. Körperlich und psychisch.
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Hyogo Atomunfall-Schadenersatzprozess vor dem höheren Gericht Osaka, erste mündliche Berufungsverhandlung vom 20. Oktober 2025
Stellungnahme der Berufungsklägerin B
Ich werde hier von meinen Erfahrungen und Gefühlen erzählen, von 14: 46 Uhr am 11. März 2011 bis heute 20. Oktober 2025.
Am 11. März 2011 ging ich damals in die fünfte Klasse und hatte nichts anderes als Angst vor dem Rütteln des Erdbebens. Ich nahm keine besondere Notiz vom Atomunfall.
Eines Tages in den Frühlingsferien, die Primarschule war noch nicht begonnen, erfuhr ich, dass eine gut befreundete Schulkollegin plötzlich umzieht. Ich fragte sie nach dem Grund. Sie antwortete mir, die Radioaktivität sei gefährlich. Ich schenkte damals noch keine Beachtung, weil ich nicht verstand, was sie meinte. Aber wenn ich heute zurückdenke, begann sich mein Alltag an dem Zeitpunkt allmählich zu verändern.
Zu Beginn des neuen Schulsemesters ordnete uns die Schulleitung das Tragen von langärmliger Kleidung, langen Hosen, Maske und Kappe an, das dauerte bis in den Sommer. Sport im Freien wurde gestrichen.
Aber ich finde, das Bewusstsein für die Frage über die Radioaktivität war von Anfang an je nach Menschen unterschiedlich. Wahrscheinlich deswegen, weil die Radioaktivität unsichtbar ist. Meine Schule war zum Beispiel die erste in der Präfektur, die die oberste Erdschicht vom Schulhof wegnahm und entsorgte. Weil während der Entsorgungsarbeit Staubwolken aufwirbeln und die Kinder sich, wenn sie sie einatmen würden, der Strahlung ausgesetzt werden könnten, teilte die Schulleitung uns mit, Fenster nicht zu öffnen. Mein Klassenlehrer tat jedoch genau das, wenn es ihm zu heiss wurde.
Solche Ungleichheit des Bewusstseins für die Strahlenbelastung wurde im Laufe der Zeit immer grösser. Als im Herbst die Sportstunde im Freien wieder aufgenommen wurde, kam mir so vor, als der Atomunfall schon kein Thema wäre. Die Schüler, die wie ich sich vor der Strahlenbelastung fürchteten und an der Sportstunde im Freien nicht teilnahmen, wurden schief angesehen, als ob man uns sagen würde: «Warum nehmen sie am Unterricht nicht teil? Alle sagen schon, alles ist in Ordnung!!». Wir wurden von Schuldgefühlen geplagt.
Einmal wurde ein Seilsprung-Wettbewerb geplant. Einige Schüler und ich gingen nicht zum Training. Der Klassenlehrer schimpften uns, «In dieser Klasse nehmen zu viele Schüler am Sportunterricht im Freien nicht teil, so werden wir den Wettbewerb verlieren, macht es euch nichts aus?!» In der Primarschule herrschte so eine Atmosphäre, diejenige, die vor der Radioaktivität Angst haben, seien verkehrt.
Zum Zeitpunkt des Atomunfalls kümmert die Strahlenbelastung meine Mutter nicht, aber sie recherchierte immer mehr darüber, um meine Gesundheit zu schützen. Sie liess dann mich nur noch möglichst wenig nach draussen gehen. In den langen Sommerferien schickte sie mich in eine andere Präfektur zur Kur. In der Tat ging es mir schlecht in Fukushima. Ich hatte Nasenblut, Herzschmerzen und Durchfall. Umso mehr Sorgen machte sich meine Mutter um mich, vermute ich.
Auf die Strahlenbelastung achteten auch einige andere Mütter meiner Klassenkameraden, ein Schüler brachte immer ein Lunch-Box mit. Der Box wurde aber jeden Tag von mehreren Kameraden herumgeworfen, so wurde er immer belästigt.
Ich musste oft darauf verzichten, nach dem Schulunterricht mit Freunden im Freien zu spielen, weil meine Mutter es mir untersagte. Es herrschte immer mehr eine unangenehme Stimmung zwischen ihnen und mir, sie verstanden uns nicht, dass wir uns wegen der Radioaktivität nach wie vor vorsichtig verhielten. Der Graben wurde immer tiefer.
Vielleicht hätte ich meinen Freunden erklären sollen, dass mich die Strahlenbelastung kümmerte, aber damals war es in unserer Präfektur, aber auch in der Primarschule ein Tabu, über den Atomunfall und die Strahlenbelastung zu reden. Meine Freunde, die damals erst Primarschüler waren und doch diese Atmosphäre in der Gesellschaft spürten, entfernten sich von mir. Ich vermied ebenfalls, mit ihnen ein tiefgehendes Gespräch zu führen.
Viele Familie, die auf die Strahlenbelastung achteten, zogen aus Fukushima aus. Aber Ich blieb da, fühlte mich immer beschämender und so, dass ich etwas Schlechtes tue. Ich war traurig, als einige Klassenkameraden umzogen, aber mit der Zeit dachte ich nur noch „schon wieder“. Einfach sehr viele zogen aus ihrer Heimat weg. In der Art sonderbar verging mein letztes Primarschuljahr.
Ich denke, meine Mutter wollte auch nach einem weit entfernten Ort umziehen, bevor ich mein Mittelschuljahr begann. Seit 2011 ging es jedoch einem Grossvater nicht mehr sehr gut, so zogen wir ins Haus der Grosseltern in derselben Präfektur um. Wenigstens war die Radioaktivität in dieser Gegend etwas niedriger als bei uns.
Ich fand, dass das Bewusstsein über die Frage der Strahlenbelastung bei Bewohnern in diesem Gebiet etwas niedriger war als dort, wo wir gewohnt hatten. Oft reagierte man unverständlich, wenn ich von dem Atomunfall und der Strahlenbelastung sprach. Ebenfalls zu Hause bei den Grosseltern. Das Hobby meines Grossvaters war Gemüsegarten und er bewirte gerne uns sein Gemüse. Er wollte, dass sein Enkelkind, also ich, das Gemüse, das er selber angebaut hatte, ass, aber meine Mutter hatte Angst vor Strahlenbelastung. Tagtäglich hatten sie Streit.
Wir assen zusammen Abendessen. Meine Mutter wählte Zutaten von sicheren Anbaugebieten und kochte sie selbst für mich. Manchmal bat mir der Grossvater ganz normal ein Gericht an, mit der Absicht, dass ich sein Gemüse ass. Meine Mutter fragte dann ihn, woher es stammte, woraufhin antwortete er, er baute es hier an. Sie meinte, ich durfte kein Gemüse essen, dessen Strahlung nicht gemessen worden war. Das ärgerte ihn und er meinte, so eine kleine Menge macht ja nichts aus. Er machte auch ab und zu ein trauriges Gesicht.
Solcher Wortwechsel passierte oft, als wir bei den Grosseltern wohnten. Ich war noch ein Kind, aber spürte schon eine Leere in mir, wir konnten uns selbst in der Familie nicht verstehen.
Im Sommer folgenden Jahres zogen meine Mutter und ich in die Präfektur Hyogo um, was zum Anlass der Scheidung meiner Eltern wurde. Auch meinen Vater kümmerte die Strahlenbelastung nicht.
In Hyogo ging es mir manchmal schlecht, vielleicht wegen Stresses. Die Mittelschule in Hyogo war nämlich völlig anderes als jene in Fukushima. Ich hatte Mühe, in den Unterrichten mit anderen Schülern Schritte zu halten, ein Lehrer gab mir deshalb spezielle Stunde. Einmal erzählte ich ihm von der Erdbeben- und Atomkatastrophe. Er fragte mich darauf, warum wir hierher umgezogen waren, obwohl unser Haus nicht von Tsunami zerstört worden war. Diese war, je nach Auffassung, bloss eine einfache Frage ohne irgendeine Absicht, aber ich nahm sie so auf, dass er mich getadelt hätte, wir hätten eigennützig unsere Heimat verlassen. Ich dachte, ich kann nicht mehr hier bleiben.
Nach dem Umzug nach Hyogo fühlte ich mich immer wieder verletzt, unter anderem durch die Scheidung meiner Eltern, und litt an Schulabsentismus. Seit der Atomkatastrophe hielte ich das Ganze bis hin irgendwie aus, aber meine Seele war, ohne es selbst zu merken, zusammengebrochen.
14 Jahre seit der Katastrophe, nun bin ich 26 Jahre alt und spüre wirklich, dass die einmal zusammengebrochene Seele auch nach 14 Jahre nicht heilen kann. Jedes Jahr, wenn der 11. März sich nähert, spüre ich, dass meine Seele rauscht. Wenn ich nach Fukushima, eigentlich meine liebe Heimat, gehe, um meine Grossmutter zu besuchen, habe ich gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, dass ich Fukushima in Stich gelassen habe.
Mein Grossvater starb 2020 durch akute Myelozytenleukämie. Es ist zwar nicht klar, ob es hier einen Kausalzusammenhang gibt. Es ist jedoch eine normale menschliche Psyche, wenn meine Mutter und ich in dem Tod an Leukämie meines Grossvaters, den die Strahlenbelastung nicht kümmerte, eine Tragweite von Einfluss der Strahlenbelastung sehen. Wir konnten den Gedanken nicht loswerden, dass er ohne den Atomunfall viel länger am Leben gewesen wäre. Er hätte sich gefreut, von der Nähe mitzuerleben, wie ich aufwachse.
Sein Lebensende war elend. Der ganze Körper schmerzte ihm, ich erinnere mich, dass es unerträglich war, sein Gesicht zuzuschauen. Als ich erfuhr, dass er Blut gespuckt hatte, bevor er starb, fragte ich mich, warum mein lieber Grossvater solche Grausamkeit erleben musste.
Auch mir geht es noch heute schlecht, sei es Nasenblut, sei es Herzschmerzen, wenn ich mich lange in Fukushima aufhalte. Ich weiss, dass es schwierig ist, dessen Grund wissenschaftlich festzustellen, und es ist bitter erkennen zu müssen, dass der Kausalzusammenhang zwischen dem Atomunfall und der Krankheit meines Grossvaters als auch meiner schlechten körperlichen Verfassung, die ich klar wahrnehme, nicht anerkannt ist. Soll ich für meine schlechte Verfassung selber die Verantwortung übernehmen wie mein Grossvater?
Gewisse Leute würde meine Geschichte als ein dummes Gerede halten. Eines ist jedoch klar: Das alles ist mir passiert und ich habe das alles wahrgenommen.
Durch die Katastrophe habe ich gelernt, wie kaltherzig diese Welt ist. Ich habe gelernt, wie laut man auch nach Hilfe ruft, wird einem ohne objektive Evidenz nicht geholfen. Wenn man trotz allem doch noch eine Hoffnung schöpfen könnte, ist es das, dass es einen Ort wie hier gibt, wo man seine eigene Meinung äussern kann. Ich will am Schluss mitteilen, was ich mir wünsche.
Was ich mitteilen will, ist nur eins. Geben Sie uns Freiheit. Freiheit, um uns in einem sicheren Ort zu leben. Freiheit, um auf Basis von Veröffentlichung und Vorlegung richtiger Information einen eigenen Weg im Leben einzuschlagen. Freiheit, über die Angst um den Zusammenhang von Strahlenbelastung und der Krankheit meines Grossvaters sowie meiner schlechten körperlichen Verfassung zu sprechen, und sich darüber zu unterhalten. Ich will die Freiheit, deren Zentrum der Mensch steht, und nicht wie heute die Evidenz, also die Wissenschaft.
Wir haben seit unserer Kindheit immer wieder gelernt, dass Japan ein demokratisches Land ist. Was ist die Demokratie eigentlich? Ist es das, dass Machthabende nur die ihnen passenden Information veröffentlichen und vorlegen, um den Staatbürger ihnen passend zu bewegen? Ich denke nicht. Beginnt die Demokratie nicht von derartiger Haltung der Machthabenden, jede Information, die der Staatbürger verlangt, veröffentlichen und vorlegen zu wollen, um mit ihm möglichst gleichgestellt zu diskutieren und um zu versuchen, die Welt, die wir sehen, mit Reinheit zu betrachten. Ich glaube fest daran, dass die hier anwesenden Erwachsenen versuchen, die Demokratie in wahrem Sinne umzusetzen.
Bitte lassen Sie kein Kind schwere Zeit durchmachen, wie ich es tun musste. Lassen Sie japanischen Kindern hoffen, lassen Sie uns über die Zukunft hoffen.
veröffentlicht in YouTube durch Pokapoka Support Team