Autor: webadmin

Geflüchtete aus Fukushima: In Isolation und Geldnot

Im Jahre 2020 lancierte FoE Japan das Projekt «Fukushima Mieruka», das Auswirkungen der Atomkatastrophe von Fukushima sichtbar machen will.

Die internationale Umwelt-NGO berichtet im Rahmen des Projekts über die Situation der Geflüchteten aus Fukushima und umliegenden Präfekturen, indem sie verschiedene Studien zitierte.

https://311mieruka.jp/info/en/reports/conditions-of-evacuees/

Das japanische Parlament hat vor zehn Jahren ein Gesetz zur Unterstützung der Betroffenen vom Atomunfall verabschiedet. In der Tat sei diese jedoch sehr bescheiden, kritisiert FoE Japan in ihrer Website. Gemäss Untersuchungen wurden zum Beispiel verschiedene finanziellen Hilfeleistungen zum Wohnen kontinuierlich abgeschafft.

Von japanischen Medien waren auch zu erfahren, dass diejenigen, die ausserhalb der Evakuierungszonen gewohnt hatten und trotzdem ihren Heimatsort verliessen, sich in einer grösseren Notlage befinden. Heute leben sie oft isoliert und Entschädigung bekamen sie nur wenig. Viele Ehepaare liessen sich scheiden oder der Vater lebt allein, um zu arbeiten.

Für viele Geflüchteten ist auch schwierig, eine feste Stelle zu finden. Eine Studie von 2020 zeigt, dass die finanzielle Situation der alleinstehenden Mutter sich inzwischen drastisch verschlechtert hat, dazu trug auch die Pandemie bei.

Die NGO zitiert auch einen Bericht der Prüfungsausschuss der Präfektur Niigata vom Januar 2021 über Auswirkungen des Atomunfalls auf die Gesundheit und das Leben: Durch das sich lange hinziehende Leben als Flüchtling entstanden unterschiedliche „Verluste“ und „Trennungen“, so dass es nicht einfach wurde, das Sozialleben und die menschliche Beziehung von vor dem Unfall wiederzugewinnen; Die Geflüchteten bringen viele Opfer und verloren Stellen, Lebenssinne und Beziehungen. Die allein mit ihren Kindern lebende Mütter leiden an Schmerzen, die durch das Gefühl der Isolation oder die Umsiedlung verursacht wurden, sowie am schlechten körperlichen und geistigen Befinden. Jede Familie erfolgte die Zufluchtsaktion als die Folge der vernünftigen Entscheidung, man sollte für diese Wahl genügend Verständnis zeigen. Der Bericht wies auch hin, dass auch Gebliebenen durch die Angst vor gesundheitlichen Schaden durch Strahlung zum Risiken meidenden Verhalten gezwungen sind, und dadurch sinkt die Lebensqualität.

Der Staat, der die Atompolitik vorangetrieben hat, ist verantwortlich, die Situation der Geflüchteten zu erfassen und das Rechts-, Organisation- und Ausfüllungssystem zur Unterstützung der Betroffenen aufzubauen, fordert FoE Japan.

Wiederverwendung des Atommülls von Fukushima

Im Areal neben dem AKW Fukushima I wird seit 2015 durch die Atomkatastrophe von 2011 entstandene, kontaminierte Erde gesammelt. Sie wurde nach der Dekontaminierungsarbeit in der jeweiligen Gemeinde gelagert und nach der Fertigstellung wurde zu diesem Zwischenlager sukzessiv gebracht. Nun wurde gesamte kontaminierte Erde von 14 Millionen Quadratmetern in diese Anlage eingeliefert.

Aber die Dekontaminierungsarbeit setzt sich fort in den Gebieten, die innerhalb der Sperrzone als Wiederaufbaubasis ernannt wurden. Die Menge der radioaktiv verseuchten Erde wächst also in Zukunft noch weiter.

Die japanische Regierung will die kontaminierte Erde mit niedriger Konzentration der radioaktiven Stoffe als Aufschüttung des Ackerlands wiederverwenden. Dazu erhöhte das Umweltministerium den Grenzwert für Wiederverwendung der Erde mit radioaktiven Stoffen von 100 Bq/kg auf 8‘000 Bq/kg.

Offiziell ist es noch nicht so weit, aber Herr Chia Yoshida, Schriftsteller, fand heraus, dass bereits 2,09 Millionen Tonnen Atommüll, vor allem Beton-, Metall- und Holzmüll, wiederverwendet wurden. Die Tageszeitung Tokyo Shinbun recherchierte daraufhin weiter und spürte auf, dass dieser Müll unter anderem für Flussschutzarbeiten eingesetzt wurde. Der Grenzwert bei solchem Müll wurde ebenfalls von 100 Bq/kg auf 3‘000 Bq/kg abgeschwächt.

Laut Tokyo Shinbun scheint selbst das Umweltministerium nicht in der Lage zu sein, wo dieser Atommüll wiederverwendet wurde.

Eine Stimme aus Fukushima

Frau Kinue Suzuki ist mit einer Behinderung geboren worden. Sie lebte in Fukushima, bis die Atomkatastrophe diesen schönen Ort heimsuchte. Sie verliess bald ihre Heimat, ging nach Kyoto und starb 2021 an Schilddrüsenkrebs.

Ein Video wurde in 2017 von ihrem Freundekreis produziert, in dem Frau Suzuki ihre schwierige Situation erzählte. Nun ist das Video mit Untertitel in Englisch zu sehen.

Botschaft von Frau Ruiko Muto

Elf Jahre nach dem Reaktorunfall von Fukushima: Noch nie habe ich so eisige, bittere Kälte empfunden wie dieses Jahr. Letztes Jahr sind fünf enge, vertraute Freunde von mir nacheinander verstorben, sie waren alle um sechzig und zum Zeitpunkt der Katastrophe wohnhaft in Fukushima. Man kann zwar keinen kausalen Zusammenhang zwischen ihrer Erkrankung und dem Atomunfall belegen, aber ich kann nicht umhin, an diesen zu glauben, und ich bin nicht die Einzige, die so denkt.

Seit letztem Jahr scheinen die japanische Regierung, die Präfektur von Fukushima und schließlich die Medien entschlossen zu sein, den Kurs zum „Wiederaufbau“ rigoros um jeden Preis voranzutreiben, während sie sich immer weiter von vorgefundener Realität abwenden. Trotz der ernsten pandemischen Lage wurden die Olympischen Spiele mit einer unnachgiebigen und autoritären Haltung durchgeführt. Der Fackellauf sollte dabei unbedingt in Fukushima starten, zwar in jenem Sportzentrum, das einst das Hauptquartier für das Krisenmanagement der Nuklearkatastrophe gewesen war. Im April letzten Jahres gab die japanische Regierung bekannt, dass radioaktives Wasser in zahlreichen Tanks auf dem Gelände von Fukushima Daiichi verdünnt ins Meer verklappt werden soll. Das Vorhaben wird, ungeachtet vieler Kritiken und Proteste sowohl innerhalb Japans als auch aus dem Ausland, vorangetrieben.

Was mir persönlich Sorgen bereitet, sind verschiedene Projekte, die junge Menschen betreffen. Letztes Jahr war ein Etat von insgesamt 1,8 Milliarde Yen (ca.13,9 Mio. Euro) bereitgestellt worden für ein Förderprogramm für neu Zugezogene in insgesamt 12 Gemeinden in Fukushima. Diese Gemeinden gehörten alle nach dem Reaktorunfall zu dem als Evakuierungszone geltenden Gebiet. Es ist zwar bereits offiziell für die Rückkehr freigegeben worden, aber bisher sind sehr wenige ehemalige Bewohner dorthin zurückgekehrt. Die Behörde will mit dem Programm Menschen dazu animieren, in diese Gemeinde zu ziehen; damit soll jede Familie, die sich dafür entscheidet, 2 Mio. Yen (ca. 15.000 Euro) bekommen. Ferner bietet eine regionale Tourismusorganisation auf der Wiese im Garten des „Memorialmuseums der
Großen Erdbebenkatastrophe Ost-Japans und der Nuklearkatastrophe“, das etwa 4 km entfernt vom havarierten AKW liegt, verschiedene Events wie Yoga, Gourmet-Erlebnis oder Beobachtung des Sternhimmels Schülern, Studenten und jungen Berufstätigen an. Das Umweltministerium und andere Behörden veranstalten sogenannte Dialogforen für die junge Zielgruppe, in denen über die Vorteile der Verklappung des radioaktiven Wassers ins Meer oder des Recyclings von abgetragenen, verseuchten Böden informiert wird. Wir beobachten indes, dass Beschreibungen über die Gefahren von radioaktiven Strahlen und über die Verantwortung für den Atomunfall aus den Lehrmaterialien verschwinden, die an Grundschulen und Mittleren Schulen verteilt werden. Stattdessen findet man neue Texte in der revidierten Ausgabe, in denen z.B. steht, dass radioaktiv verseuchtes Wasser aus dem havarierten AKW sicher sei.

Am 27. Januar haben sechs junge Menschen, die beim Reaktorunfall im Alter zwischen sechs und sechzehn Jahren waren und an Schilddrüsenkrebs erkrankt sind, gegen Tepco Klage erhoben. Sie fordern, dass über den Kausalzusammenhang zwischen dem Atomunfall und dem Schilddrüsenkrebs gründliche Untersuchungen durchgeführt werden. Die junge Klägergruppe hofft damit, falls die Kausalität vom Gericht anerkannt werden würde, eine Art Beihilfesystem aufbauen zu können, womit Menschen in ähnlichen Situationen geholfen werden könnte. Das würde einen kleinen Lichtblick für viele darstellen, meinen sie, da die Folgen der Atomkatastrophe immer unsichtbarer gemacht werden. In der Tat vertritt die Gutachterkommission der Gesundheitsstudie der Präfektur Fukushima die Ansicht, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem Atomunfall und dem Schilddrüsenkrebs gebe, wodurch die Umsetzung vieler Programme für den „Wiederaufbau“ als gerechtfertigt vorangetrieben wird. Vor diesem Hintergrund ist anzunehmen, wieviel Mut diese jungen Menschen haben mussten, um Klage zu erheben. Ich appelliere an alle Erwachsenen, sie dabei zu unterstützen.

Die Nachricht am Jahresbeginn aus Europa, dass die EU-Kommission den Vorschlag machte, die Atomenergie in die grüne Taxonomie aufzunehmen, hat mich regelrecht schockiert. Egal wie klein sie sein mögen und egal wie oft es behauptet wird, dass sie zu „friedlichen“ Zwecken benutzt würden, ist die Technologie, die in allen Atomreaktoren verwendet wird, die gleiche, die für die Produktion von Atombomben entwickelt wurde. Und in allen Produktions- und
Operationsphasen erfordert diese Technologie Opfer von Menschen, die radioaktiver Strahlung ausgesetzt werden. Hier gilt das Prinzip „Der Schwäche fällt dem Starken zum Opfer“, scheint mir, das Prinzip des nutzen- und ergebnisorientierten Denkens um jeden Preis, während manche Opfer als kleineres Übel in Kauf genommen werden. Die Wahrheit ist aber, dass die Menschheit die Kerntechnologie sicher zu nutzen nicht fähig ist, sie ist auch nach wie vor ratlos gegenüber dem radioaktiven Abfall, der sich ansammelt. Es ist also klar, dass die Atomtechnik für die Umwelt eine enorme Last bedeutet. Aus diesen Gründen ist es inakzeptabel, Atomenergie als sauber oder grün einzustufen.

Als positive Entwicklung ist jedoch zu beobachten, dass immer mehr Länder dem Atomwaffenverbotsvertrag beigetreten sind und ihn ratifiziert haben. Als nächstes sollten wir uns auch von Atomkraftwerken verabschieden. In den schwierigen Zeiten, die wir alle durchmachen, ist es wichtig, uns ständig bewusst zu machen, dass es überall in der Welt Menschen gibt, mit denen wir uns solidarisieren und uns miteinander stark machen können, denn das ist es, was uns Mut und Kraft gibt, nach vorne zu schauen.

zum 11. März 2022 in Fukushima,

Muto Ruiko
Sprecherin der Klägergruppe gegen TEPCO/Repräsentantin der Gruppe Frauen von Fukushima

http://hidanren.blogspot.de/
http://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.com/p/blog-page_5112.html
(Übersetzung aus dem Japanischen: Sayonara Nukes Berlin)

Eine Studie über die Situation der Evakuierten und Geflüchteten

Seit der Atomkatastrophe von Fukushima sind über zehn Jahre vergangen. Die Interessen an der aktuellen Lage des havarierten Atomkraftwerks sowie an der Evakuierten und Geflüchteten ist in der Öffentlich kaum mehr zu erkennen. Daran interessieren sich heuer scheinbar nur noch die Betroffenen und wenige Ausnahmen. The Japan Society for Disaster Recovery and Revitalization an der Uni Kansai Gakuin gehört dazu. Eine Gruppe dieses Instituts untersuchte die heutige Situation der Evakuierten und Geflüchteten und veröffentlichte das Ergebnis im September 2021.

Laut Yoko Saito, der leitenden Forscherin und ausserordentlicher Professorin an der Uni, wurde durch die Umfrage, die 10 Jahre nach dem verheerenden Unfall durchgeführt wurde, klar, dass die Menschen, die ihren Wohnort innerhalb und ausserhalb Fukushima wegen der Auswirkungen des Atomunfalls verlassen hatten, heute finanziell schlechter dastehen als zuvor und weniger Kontakte in der neuen Nachbarschaft haben. Viele Menschen gaben allerdings auch an, dass sie psychisch in guter Form seien. Die Analyse der Forschungsgruppe stellte sich heraus, dass sie eine gute Beziehung in der Nachbarschaft pflegen und jemanden haben, mit dem sie über ihre Probleme sprechen können.

Das grösste Problem bei der Hilfe für Evakuierten und Geflüchteten besteht wahrscheinlich darin, dass der Begriff „Evakuierte“ nicht klar definiert worden ist. Neben den Menschen, die aus den Sperrzonen evakuiert wurden, gibt es zahlreiche solche, die auf eigene Faust ihren Wohnort, der sich auch ausserhalb Fukushima befand, verlassen haben. Saito schreibt in ihrem Bericht, dass die Anzahl der Evakuierten, die die Behörde der Präfektur Fukushima erfasst, in diesen zehn Jahren von 160‘000 auf 30‘000 zurückging. Dahinter steht die Fukushima-Politik der Regierung. Ihr Ziel lautet: Die Evakuierten sollen so schnell wie möglich wieder in ihre Heimat zurückkehren. Saito äussert sich eine Vermutung, dass der Dunkelziffer der Nicht-Zurückgekehrten sehr gross sein kann, weil es kaum Untersuchung gibt, die alle Menschen erfasst, die ihr Zuhause nach dem Atomunfall verlassen haben.

Die Forschungsgruppe an der Uni Kansai Gakuin verteilte ihren Fragebogen an 15 verschiedene Organisationen wie NPOs im ganzen Land, die ihn weiter an die Betroffenen sandten. Schliesslich antworteten 694 Betroffenen. Die meisten, auch jene, die nicht aus Fukushima stammen, gaben an, dass sie heute keine Absicht haben, in ihre Heimat zurückzukehren. Das heisst jedoch nicht unbedingt, dass sie es nicht wollen, sondern sie können nicht zurückkehren, so Saito.

Die Lebenshaltung in einem neuen Ort ist nicht einfach. Manche können nicht mehr in einem eigenen Haus wohnen, eine Festanstellung ist ebenfalls schwierig. Die finanzielle Unterstützung vom Staat ist heute bereits aufgehoben. Und manche haben von der Regierung überhaupt keine finanzielle Unterstützung erhalten.

Eine klare Mehrheit der Teilnehmenden der Umfrage verdient heute weniger als vor dem Atomunfall in Fukushima. Mehr als zwei Drittel verdienten in 2019 weniger als fünf Millionen Yen (ca. 40‘000 Franken). Vor dem Unfall betrug der Anteil ca. 50 %.

Die Evakuierten und Geflüchteten isolieren sich immer mehr. Sie können keine neue Beziehung in der Nachbarschaft aufbauen und verlieren die alte Freundschaft. Etwa 60 % der Menschen, die vom Staat zum Umzug angeordnet wurden, gaben an, dass sie vor dem Wegziehen von der alten Heimat Freunde hatten, die in einer Notsituation gegenseitig helfen konnten. Diese Freundschaft ist in der heutigen Lebenssituation, die sie nicht mehr in der Nähe wohnen, verloren gegangen und nur noch rund 10 % pflegen noch solche engen Beziehungen mit jemandem.

Die Forscher empfehlen unter anderem Einführung eines Katastrophe-Managements durch Gemeinden und Hilfsorganisationen. Das wird eine individuelle, sorgfältige Unterstützung für die Betroffenen ermöglichen.

NGO FoE Japan veröffentlicht eine Zusammenfassung des Berichts auf Englisch.