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Zum 9. Jahrestag der Atomkatastrophe in Fukushima

Ich schenke Ihnen wie jedes Jahr eine Botschaft von Frau Ruiko Muto zum Jahrestag der   Atomkatastrophe in Fukushima.

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Botschaft von Frau Ruiko Muto
Sprecherin der Klägergruppe gegen TEPCO/Repräsentantin der Gruppe Frauen von Fukushima

Neun Jahre sind seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima vergangen. Zunächst möchte ich mich bei all denen bedanken, die sich für eine atomfreie Zukunft einsetzen und deren Gedanken bei uns sind.
Gerade ist Fukushima in aller Munde in ganz Japan wegen des Fackellaufs für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, der im März in Fukushima starten soll und eine willkommene Gelegenheit ist, um die durch den Atomunfall entstandenen Folgen und Probleme rücksichtslos beiseitezuschieben oder geschickt zu verbergen. Auch die Gebiete, die bisher als „schwer zugänglich“ gegolten hatten, sind teilweise für die Rückkehr freigegeben worden. Die Bahnstrecke „Jôban-sen“, die seit dem Unfall unterbrochen blieb, wird demnächst wieder durchgängig befahrbar.

Vom J-Village, einem Fußballstadion, das ca. 20 km vom havarierten AKW Fukushima Daiichi entfernt liegt, soll der Fackellauf starten. Hier spielen bereits viele Fußballer – Kinder wie Erwachsene – aus dem ganzen Land. Die Präfektur Fukushima hat auf der gesamten Strecke des Fackellaufs Strahlungsmessungen durchgeführt, dabei wurden teilweise Messwerte von 0,77 Mikrosievert oder 0,46 Mikrosievert pro Stunde an Straßenrändern und auf Autostraßen registriert. Bisher hat man mindestens an 13 Stellen der Laufstrecken innerhalb der Präfektur Fukushima über 0,23 Mikrosievert pro Stunde gemessen, also Werte über dem Grenzwert, ab dem eine Dekontaminierungsarbeit eigentlich obligatorisch sein soll. Wir sind daher in Sorge, dass der Lauf sowohl bei den Fackelläufern als auch bei den Zuschauern an den Straßen gesundheitliche Folgen verursachen könnte. Man bezeichnet diese Olympischen Spiele als „Wiederaufbau-Olympiade“, aber es ist fraglich, was dabei für die Betroffenen „Wiederaufbau“ sein soll.

Überhaupt waren die Olympischen Sommerspiele 2020 einst mit der Lüge von Japans Premierminister Abe beworben worden, der sagte: „Die Situation in Fukushima ist unter Kontrolle“. Die Menge des durch das Filtersystem ALPS gefilterten Wassers, das in Wassertanks auf dem Gelände des havarierten AKWs abgefüllt und gelagert ist, überschreitet mittlerweile 1,2 Millionen Tonnen. Das Komitee des Wirtschaftsministeriums zur Frage über das verseuchte Wasser einigte sich nun auf eine Empfehlung, das gefilterte, aber noch radioaktiv belastete Wasser entweder ins Meer abzuleiten oder in Form von Dampf in die Atmosphäre abzulassen, mit der Begründung, die Anwohner dadurch entlasten zu wollen.

Dabei ist über andere alternative Methoden zur Wasserlagerung oder zur weiteren Filterung von noch enthaltenen Radionukliden (Tritium und anderen) nicht genug diskutiert worden und die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft. Sowohl die Fischer als auch die Anwohner der
betroffenen Gebiete sind gegen diese Empfehlung. Die absichtliche Einbringung von radioaktiv verseuchtem Wasser ins Meer verstößt sowohl gegen das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen als auch die Londoner Konvention. Wir brauchen daher dringend Ihre Unterstützung aus der ganzen Welt: Bitte erheben Sie Ihre Stimme gegen dieses Vorhaben, damit Japan die Weltmeere nicht noch mehr verschmutzt.

Bei dem Abbau von einem der Ablufttürme der havarierten Reaktoren, der letztes Jahr begonnen hatte, sollte die ganze Operation ursprünglich durch Fernsteuerung durchgeführt werden, da sonst die Strahlung zu hoch ist, aber die Arbeit musste letztendlich doch durch Menschen fortgesetzt werden. Dabei mussten Arbeiter unter hoher Strahlungsgefahr mit dem Kran zur Spitze des Turms hinauffahren, um ihn Stück für Stück mit einer Fräsmaschine abzusägen. Die Unfälle von Arbeitern an der Atomruine häufen sich indes: Satoshi Haruhashi, ein japanischer Schriftsteller, berichtet in seinem Blog, dass es seit der Katastrophe bis zum Ende der ersten Jahreshälfte 2019 insgesamt 20 Tote, 24 Schwerverletzte, 29 Bewusstlose, 222 Verletzte und 101 Hitzeschläge gegeben habe, und dabei handele es sich nur um die offiziell von TEPCO bestätigten und anerkannten Zahlen.

Im September 2019 hat das Landesgericht von Tokio im Strafprozess gegen drei frühere Topmanager von TEPCO ein unglaubliches Urteil gefällt: Die Angeklagten wurden alle als „nicht schuldig“ freigesprochen. Das Urteil ist für alle Opfer der Nuklearkatastrophe inklusive derer in der Präfektur Fukushima inakzeptabel und hat uns bitter und tief enttäuscht. Der Staatsanwalt kritisierte: Das Urteil sei da, „um der Politik der Atomenergieförderung einen Gefallen zu erweisen“.

Das Urteil berücksichtigte kaum die zahlreichen Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die in 37 Hauptverhandlungen offengelegt worden waren. Stattdessen wurden fast ausschließlich Beweise und Argumentationen zugunsten von TEPCO hintereinander aufgezählt. Die durch den Atomunfall verursachten Schäden erwähnte das Urteil kaum.

Außerdem bestritt das Gericht gänzlich die Zuverlässigkeit der auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Erdbeben- und Tsunami-Langzeitprognosen, die sogar ein Regierungsorgan veröffentlicht hatte. Im Hinblick auf das Sicherheitsniveau von Atomanlagen behauptete das Urteil, dass die „gesellschaftlichen Konventionen“, die sich in staatlichen
Vorschriften widerspiegeln würden, keine absolute Sicherheit in Atomanlagen verlangen würden.

Diese Interpretation widerspricht dem Urteil vom Obersten Gerichtshof von Itaka aus dem Jahr 1992, das die Notwendigkeit von allen möglichen Vorsichtsmaßnahmen anerkannte, die ergriffen werden sollen, damit jede Eventualität von Atomunfällen ausgeschlossen wird. Das ist ein klarer Rückschritt in der Justiz, und wir betrachten es als schwerwiegenden Fehler des Gerichtes.

Warum war es nicht möglich mit all den überzeugenden Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die Verantwortlichen für schuldig zu befinden? Trotz der tiefen Enttäuschung haben wir Berufung eingelegt. Wir hoffen und erwarten sehr, dass das Gericht eine Burg der Gerechtigkeit ist, die komplett unabhängig von den anderen Gewalten urteilt. Jedenfalls sind wir entschlossen, weiter zu kämpfen, um unsere Würde wiederzufinden.

Lasst uns weiterhin die Kräfte vereinen, damit die Geschichte der Nukleartragödien so früh wie möglich zu Ende geht!

zum 11. März 2020 in Fukushima,
Muto Ruiko
http://hidanren.blogspot.de/
http://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.com/p/blog-page_5112.html
(Übersetzung aus dem Japanischen: Yû Kajikawa)

Der Zustand des Kernkraftwerks Fukushima I am Ende 2019

Anfang Dezember 2019 besichtigte ein Journalist der japanischen Nikkei-Zeitung mit anderen Berufskollegen zusammen das AKW Fukushima I. Sie mussten sich keinen schweren Schutzanzug mehr anziehen, es reichte nur noch eine dünne Weste und ein Dosimeter in der Brusttasche. Auf der Fläche von 96 % des Grundstücks kann man heute in üblichem Arbeitsanzug gehen und arbeiten, schreibt der Journalist in einem Artikel auf der Website, weil hochkontaminierte Schutt und Trümmer auf der Meeresseite aufgeräumt worden waren und die Erdoberfläche mit Mörtel sowie mit 5 cm dicke Eisenplatten bedeckt worden war.

Zurzeit wird am 120 Meter hohen Abzugstower fleissig gearbeitet. Tepco plant, den Schornstein von oben her eine Länge von drei Meter immer weiter nach unten abzuschneiden, bis er nur halb so hoch ist. Denn er verrostet stark und könnte irgendwann zerbrechen.

Beim Block 1 ist die radioaktive Verschmutzung des Deckenkrans zu hoch und die Arbeit kommt nur schwer voran.

Auch beim Block 2 wird nach wie vor eine hohe Strahlendosis nachgewiesen. Um insgesamt 615 Stücke zählender Kernbrennstoff aus dem Kühlbecken herauszuholen, plant der AKW-Betreiber nun, eine neue Anlage neben dem Gebäude zu bauen. Geräte, die bei der Entnahmearbeit eingesetzt werden, sollen in dieser Einrichtung errichtet werden und voraussichtlich im Jahre 2023 zu laufen beginnen.

Blocks 3 hat ein Dach bekommen und darunter wird die Entnahme des Brennstoffs vorangetrieben. Beim Block 4 wurden die gesamten 1535 Stücke bereits aus dem Kühlbecken entnommen.

Im Grundstück Fukushima I stehen riesige Tanken reihenweise. Darin befindet sich radioaktives Wasser mit Tritium. 2022 Sommer wird hier die maximale Kapazität erreicht werden. Deshalb erwägt die japanische Regierung, das Wasser in den Pazifik zu leiten, was doch viel Kritik aus dem Ausland und japanischen Fischern geerntet hat.

Rekontaminieren

Dieses Jahr haben erneut starke Taifune über Japan gefegt. Auch die Region Tohoku war betroffen. Greenpeace Japan zufolge sind dabei Laube und Äste, an denen radioaktiv verseuchter Schlamm festgeklebt ist, mit Regen und Wind in Flüssen und Wohngebieten gelangen und rekontaminierten Orte, die früher einmal dekontaminiert worden waren.

Bei einer diesjährigen Untersuchung hat die Umweltorganisation in einem Wald gegenüber einer Primarschule in Fukushima mehrere Hotspots gefunden. Die Werte überschreiten den Massstab der Regierung bei weitem. In der Gegend war die Evakuierungsanordnung bereits aufgehoben worden und die Einwohner sind teilweise zurückgekehrt.

Dekontaminierung der Wälder ist sehr schwierig und dementsprechend nicht genügend ausgeführt. Trotz der Risiken drängt die öffentliche Hand den Einwohner zur Rückkehr.

Stimme der Fukushima-Flüchtlinge über die olympischen Spielen in Tokyo

Die japanische Zweigstelle des internationalen Netzwerks von Umweltschutzorganisationen „Friends of Earth“ veröffentlichte in ihrem Blog, wie die Betroffenen der Atomkatastrophe von Fukushima über die olympischen Spiele, die im nächsten Sommer in Tokyo und auch in Fukushima stattfinden, denken.

 

Eine Mehrheit der Befragten scheint der Olympiade für sich positiv oder mindestens neutral gegenüberzustehen. Viele Menschen, die wegen des Reaktorunfalls ihre Heimat verlassen mussten oder sich entschieden, auf eigene Faust einen neuen Wohnort zu suchen, empfinden jedoch Aussagen des japanischen Premierministers und die Art und Weise, wie man für die olympischen Sommerspiele wirbt, als störend.

 

Dieses Sportfest wird in Japan auch „Wiederaufbau-Olympiade“ bezeichnet. Eine befragte Person sieht aber darin nicht einmal einen Ansatz zum Wiederaufbau ihrer Region und fühlt sich sehr unbehaglich, weil man nun so denken mag, „Warum kehrt ihr nicht in eure Heimat zurück? Es ist ja alles in Ordnung!“ Sie wünschte sich, dass diese Olympiade auch betroffenen- und schwachenfreundlich gewesen wäre.

 

Eine andere Person findet es eine reine Verschwendung, wenn man für eine bestimmte Zeit mit einem enormen Budget verschiedene Infrastrukturen baut und sie danach wieder dem Erdboden gleichmacht. Mit dem Geld könnte der Staat mehrere Kur-Einrichtungen für die Kinder von Fukushima errichten, meint sie. „Die Betroffenen, die das Sicherheitsmythos geglaubt hatten, sind wohl nicht völlig unschuldig, doch um eigene Kinder immer wieder zur Kur zu schicken, ist die Kapazität der Einzelperson finanziell, zeitlich und auch psychisch begrenzt. Zudem nimmt die Anzahl der NGOs, die diese Aufgabe übernehmen, ständig ab, heisst es.“ Der Premier Abe sagte einmal „Alles unter Kontrolle“, was für sie nicht stimme. Sie wünschte sich, dass die Regierung zugibt, dass es eine radioaktive Kontaminierung gibt, die Wahrheit veröffentlicht und das Bestmögliche dazu tut. Ebenfalls Geld nicht für einen Enthusiasmus während einiger Tage ausgeben, sondern für ein sicheres und glückliches Leben zahlreicher Menschen.

 

„Für das ganze Land sind die olympischen Spiele wohl etwas Ermutigendes“, sagt eine weitere Person. „Aber wenn ich das Nationalstadion, das neu gebaut wird, sehe, muss ich immer denken, dass die Wichtigkeit und die Dringlichkeit der Unterstützung für die Menschen, die nach wie vor in einer provisorischen Wohnung wohnen oder kein Zuhause mehr haben, viel höher sind. Die ganze Welt soll den gegenwärtigen Zustand dieser Betroffenen erfahren und die Verantwortlichen dieser Situation verurteilen.“

 

Der Premierminister Abe besuchte Fukushima während des Wahlkampfs und sagte: „Japan hat keine Zukunft, solange Fukushima nicht wiederaufgebaut wird.“ Das hat eine Person unter den Befragten erfahren, aber sie fragt sich, ob es stimmt. „Auf den echten Wiederaufbau ist nicht zu hoffen in einem Land, das auf die Olympiade begeistert ist, während das Leben der Familien ohne Vater und soziale Schwachen wegen des Totalitarismus mit Füssen getreten werden.“

Die ersten Brennstoffe werden entnommen

Tepco, der Betreiber des havarierten Kernkraftwerks von Fukushima, begann am 15. April mit der Entnahme der Brennelemente aus dem Abklingbecken des Blocks 3. Das ist überhaupt die erste Entnahmearbeit aus dem Block, dessen Reaktorkern bei der Katastrophe vom März 2011 geschmolzen ist. Geplant war der Arbeitsbeginn allerdings Anfang 2015, Tepco musste jedoch zuerst Schutt und Trümmer aufräumen und die Umgebung dekontaminieren, weil die oberste Etage des Blocks 3, auf der der Abklingbecken sich befindet, durch eine Wasserstoffexplosion zerstört und radioaktiv stark verseucht worden war.

In dem Becken liegen 514 gebrauchte und 52 ungebrauchte Brennstoffe. Am 15. April sollten die ungebrauchten Brennstoffe mit Fernbedienung herausgenommen und in ein spezielles Becken, das im gleichen Grundstück vorbereitet wurde, gebracht werden.