Kategorie: Allgemein

Probleme im Block 3

Die Tokyo Zeitung, die regelmässig über die Situation in Fukushima berichtet, wirft Fragen um die Haltung der Tepco. Die Betreiberin des havarierten Kernkraftwerks Fukushima I hatte ursprünglich vor, im November mit dem Herausnehmen der Brennstoffe vom Block 3 zu beginnen. Es verzögert sich aber um unbestimmte Zeit, weil sie mit vielen Problemen zu kämpfen hat.

Gemäss der Zeitung fand man bereits vor der Errichtung mehr als dreissig Mangel an der Anlage, die die Brennstoffe aus dem Kühlbecken herausnehmen und sie in ein spezielles Gefäss stellen sollte. Sie steht still heute im Gebäude, aufgrund einer Leitungsunterbrechung wegen in Verbindungsstellen des Kabels durchdrungenen Regenwassers.

Auch der Kran, der das Gefäss auf das Erdgeschoss bringen sollte, steht wegen der fehlerhaften Einstellung der Voltspannung einfach da.

Seit September ist Tepco dabei, die Anlage nachzuprüfen, doch aus dem Missstand kommt sie nicht heraus und Fehler häuften sich immer mehr. Das alles wegen lascher Qualitätskontrollen und nachlässiges Lieferantenmanagements, rügt die japanische Atomkraftregulierungskommission.

Anhörungen über das Entsorgungsverfahren des mit Tritium verseuchten Wassers

Ins Gebäude des havarierten Kernkraftwerks Fukushima I fliesst immer noch viel Grundwasser und immer mehr Tanken, dessen Inhalt das Tritium enthaltene Wasser ist, reihen sich auf dem Gelände. Heute zählen sie rund 680 Stücke und das entspricht ca. 895,000 Tonnen Wasser. Maximal kann es bis zu 1,370,000 Tonnen werden. Diesen Platz braucht man aber in Zukunft für die Arbeit, das Herausnehmen der abgeschmolzenen Brennstoffe, und Lagerung der abgebrannten Brennstoffe. Deshalb hat ein Unterkomitee der Regierung fünf Entsorgungsverfahren des verseuchten Wassers vorgeschlagen: Injektion in die Erdschicht, unterirdische Verlegung, Freigabe ins Meer, Freigabe als Wasserdampf, Freigabe als Wasserstoff.

Ende August fanden drei öffentliche Anhörungen zu diesem Thema in den Präfekturen Fukushima und Tokyo statt. Die anwesenden Vertreter der Bürger und Organisationen äusserten sich mehrheitlich gegen die Freigabe ins Meer. Man soll warten, bis eine neue Technologie entwickelt wird oder bis die Strahlendosis des Wassers senkt.

Es gab auch Kritiken über die Zeit und Ort der öffentlichen Anhörungen. Für Fischer, die am Morgen arbeiten, ist es schwierig an die Anhörung zu kommen, wenn sie am Vormittag abgehalten wird. Gerade Fischer hegen ja wahrscheinlich am meisten Angst vor der Verseuchung des Meers oder der Fische. Und eine Frau aus Fukushima forderte, die Anhörung soll überall in Japan stattfinden, und zwar nicht nur mit ausgewählten Personen, sondern jeder muss dabei sein können. Denn das Problem betrifft nicht nur Fukushima.

 

Tohoku 2018

Sieben Jahre seit der Tsunami-Katastrophe, vier Jahre seit meinem letzten Besuch.

Ich war wieder einmal in den Städten Kesennuma, Rikuzen-Takata und Ofunato, um mir das neueste Bild von der Region Tohoku zu machen. Aber diesmal kam mein Mann mit und wir fuhren mit dem Auto nur flüchtig diese Gegend durch. Es war eher eine touristische Gelegenheit als eine Besichtigung. Denn nicht nur der pazifischen Küste entlang sondern auch im Landesinneren gibt es hier reichliche Sehenswürdigkeiten.

Aber zuerst mal…

Vor sechs sowie vier Jahren fuhr ich in der Stadt Kesennuma mit dem Fahrrad herum. Damals standen erst wenige Häuser im niedrigen Küsten-Stadtteil. Heute sieht man etwas mehr Gebäude, aber immer noch viele Baustellen und brachliegende Plätze.

Die ganze Fläche muss nämlich zuerst erhöht werden, obwohl ein Monster-Tsunami, wenn er irgendwann wieder kommen würde, die neuen Gebäude hier ohne Weiteres hineinschlucken würde.

Hier links auf der grossen Fläche lag einmal das gestrandete Fischerschiff

Eine neue Siedlung war entstanden

Wir fuhren weiter nach Rikuzen-Takata. Die berühmte Kiefer, die alleinig den Tsunami überlebt hatte, stand immer noch. Aber sie ist eine Replik.

Auf der Strasse fuhren sehr viele Lastwagen. Sie bringen Erde von naheliegenden Hügel auf die Fläche an der Küste. Hier stehen noch nicht so viele Gebäude wie in Kesennuma.

Anstelle Tausende von Kiefern gibt es nur noch eine lange Mauer zwischen Land und Meer

Die nächste und die letzte Station ist Ofunato. Dieser Stadt ist am meisten wiederaufgebaut. Es war vor vier Jahren schon so. Wir übernachteten im Hotel Ofunato Plaza, in welchem ich schon zweimal gewesen war. Aber das Hotel war vor eineinhalb Jahren auf dem nächstgelegenen Grundstück komplett neu gebaut, weil das alte Grundstück erhöht werden musste. Man hatte gewusst, dass das Hotel, das nach der Katastrophe schnellst gebaut wurde, wieder abbauen musste. Aber damals war der Bedarf schon da, weil die Arbeiter für Aufräumen und Wiederaufbau irgendwo in der Nähe übernachten mussten. Heute gibt es mehere Übernachtungsmöglichkeiten.

Ein neues Einkaufszentrum war auch entstanden. Die Boutique „Sumire“, die ich immer wieder besucht habe, wurde auch mit dem neuen Namen „mon coeur & Sumire“ neu eröffnet. Diesmal sprachen wir mehr über die Fussball-WM.  Die ganze Gegend war es eher ruhig, ich hoffe, dass die Läden dort langfristig überleben können.

Hier sieht man auch eine hohe Mauer. Die riesige Mauer im Foto unten haben wir am Meer in der Nähe von Ofunato gesehen. Man würde nicht mehr erkennen, wenn ein Tsunami kommen würde.

Verbleib der schwarzen Säcke

Bergen von schwarzen Plastiksäcken sind inzwischen ein bekanntes Bild von Fukushima geworden. Die Gemeinden herum um das havarierte AKW Fukushima I haben die radioaktiv kontaminierte Erde von der Erdoberfläche weggenommen, in den Plastiksack verstopft und ihn in den freien Grundstücken, Feldern oder Wäldern gesammelt. Manche Bewohner müssen im Alltag immer den Berg anschauen.

Nun verschwinden aber diese Berge langsam. In den Gemeinden Okuma und Futaba wird jetzt ein riesiges Zwischenlager gebaut und die schwarzen Säcke werden von 270 temporären Lagerplätzen her ununterbrochen dorthin gebracht. Plätze, wo bis vor kurzem die radioaktiven Abfälle aufbewahrt wurden, verwandeln sich teilweise ins Ackerland, wie es einmal gewesen ist, berichtet die Tokyo Zeitung.

Diese radioaktiven Abfälle werden in dem Zwischenlager 30 Jahren aufbewahrt und sollten bis 2045 in ein Endlager gebracht werden. Der Standort des Endlagers, das ausserhalb der Präfektur gebaut werden soll, ist allerdings noch nicht bestimmt.

Oshidori Mako & Ken

Gestern war das japanische Komiker-Paar „Oshidori“ in Zürich. Mako, die inzwischen die fleissigste Journalistin, die die Folge der Atomkatastrophe verfolgt, geworden ist, und Ken, ihr Ehemann, der sie beim Recherchen und Haushalt unterstützt, hielten in einer Aula der Universität Zürich einen dreistündigen Vortrag. Der Saal war gut besetzt, nicht nur Japaner sondern auch zahlreiche Schweizer sind gekommen.

Das Ehepaar besucht bereits seit einigen Jahren Deutschland, um an verschiedenen Orten über die Situation in Fukushima zu berichten, und dieses Jahr kam anschliessend nach dem Aufenthalt in Deutschland zum ersten Mal in die Schweiz.

Mako hat aus Wissensgier angefangen, über den Atomunfall in Fukushima zu recherchieren. Sie ist regelmässig bei der Pressekonferenz von Tepco, dem AKW-Betreiber der havarierten Reaktoren, und anderen Organisationen dabei und steht heute mit verschiedenen Experten in Kontakt. Sie scheint vor schier Energie zu platzen. Und das ist sie tatsächlich.

Beim Vortrag und danach kurz gezeigtem Performance war ihre vom Tiefen der Inneren herauskommende Vitalität zu spüren.

Trotz Druck von der Regierung und Tepco will sie weiterhin die Wahrheit wissen und sie an die Öffentlichkeit bringen. Das ist nur möglich, weil sie zu keiner Organisation wie Verlag oder TV-Sender gehört und sich alleine frei bewegen kann.

Aber das Interesse der japanischen Gesellschaft an Fukushima ist nicht mehr so gross wie unmittelbar nach der Katastrophe. Wahrscheinlich wissen viele Japaner von diesem aussergewöhnlichen Paar nicht. Sie publizieren heute ihre neuen Kenntnisse auf ihrer Website und geben sie an Forscher und Anwälte weiter, damit sie für die Situation der Leidende etwas Positives beitragen können. Und es gibt tatsächlich etwa positive Gerichtsurteile für sie. Der Kampf gegen Radioaktivität, gegen Tepco und gegen die japanische Regierung würde doch jahrelang, sogar jahrzehntelang dauern. Ich hoffe, dass ihre schätzenswürdige Arbeit auch so lang weiter gehen würde.

http://www.halbwertszeit-festival.ch/