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Stimme der Fukushima-Flüchtlinge über die olympischen Spielen in Tokyo

Die japanische Zweigstelle des internationalen Netzwerks von Umweltschutzorganisationen „Friends of Earth“ veröffentlichte in ihrem Blog, wie die Betroffenen der Atomkatastrophe von Fukushima über die olympischen Spiele, die im nächsten Sommer in Tokyo und auch in Fukushima stattfinden, denken.

 

Eine Mehrheit der Befragten scheint der Olympiade für sich positiv oder mindestens neutral gegenüberzustehen. Viele Menschen, die wegen des Reaktorunfalls ihre Heimat verlassen mussten oder sich entschieden, auf eigene Faust einen neuen Wohnort zu suchen, empfinden jedoch Aussagen des japanischen Premierministers und die Art und Weise, wie man für die olympischen Sommerspiele wirbt, als störend.

 

Dieses Sportfest wird in Japan auch „Wiederaufbau-Olympiade“ bezeichnet. Eine befragte Person sieht aber darin nicht einmal einen Ansatz zum Wiederaufbau ihrer Region und fühlt sich sehr unbehaglich, weil man nun so denken mag, „Warum kehrt ihr nicht in eure Heimat zurück? Es ist ja alles in Ordnung!“ Sie wünschte sich, dass diese Olympiade auch betroffenen- und schwachenfreundlich gewesen wäre.

 

Eine andere Person findet es eine reine Verschwendung, wenn man für eine bestimmte Zeit mit einem enormen Budget verschiedene Infrastrukturen baut und sie danach wieder dem Erdboden gleichmacht. Mit dem Geld könnte der Staat mehrere Kur-Einrichtungen für die Kinder von Fukushima errichten, meint sie. „Die Betroffenen, die das Sicherheitsmythos geglaubt hatten, sind wohl nicht völlig unschuldig, doch um eigene Kinder immer wieder zur Kur zu schicken, ist die Kapazität der Einzelperson finanziell, zeitlich und auch psychisch begrenzt. Zudem nimmt die Anzahl der NGOs, die diese Aufgabe übernehmen, ständig ab, heisst es.“ Der Premier Abe sagte einmal „Alles unter Kontrolle“, was für sie nicht stimme. Sie wünschte sich, dass die Regierung zugibt, dass es eine radioaktive Kontaminierung gibt, die Wahrheit veröffentlicht und das Bestmögliche dazu tut. Ebenfalls Geld nicht für einen Enthusiasmus während einiger Tage ausgeben, sondern für ein sicheres und glückliches Leben zahlreicher Menschen.

 

„Für das ganze Land sind die olympischen Spiele wohl etwas Ermutigendes“, sagt eine weitere Person. „Aber wenn ich das Nationalstadion, das neu gebaut wird, sehe, muss ich immer denken, dass die Wichtigkeit und die Dringlichkeit der Unterstützung für die Menschen, die nach wie vor in einer provisorischen Wohnung wohnen oder kein Zuhause mehr haben, viel höher sind. Die ganze Welt soll den gegenwärtigen Zustand dieser Betroffenen erfahren und die Verantwortlichen dieser Situation verurteilen.“

 

Der Premierminister Abe besuchte Fukushima während des Wahlkampfs und sagte: „Japan hat keine Zukunft, solange Fukushima nicht wiederaufgebaut wird.“ Das hat eine Person unter den Befragten erfahren, aber sie fragt sich, ob es stimmt. „Auf den echten Wiederaufbau ist nicht zu hoffen in einem Land, das auf die Olympiade begeistert ist, während das Leben der Familien ohne Vater und soziale Schwachen wegen des Totalitarismus mit Füssen getreten werden.“

Die ersten Brennstoffe werden entnommen

Tepco, der Betreiber des havarierten Kernkraftwerks von Fukushima, begann am 15. April mit der Entnahme der Brennelemente aus dem Abklingbecken des Blocks 3. Das ist überhaupt die erste Entnahmearbeit aus dem Block, dessen Reaktorkern bei der Katastrophe vom März 2011 geschmolzen ist. Geplant war der Arbeitsbeginn allerdings Anfang 2015, Tepco musste jedoch zuerst Schutt und Trümmer aufräumen und die Umgebung dekontaminieren, weil die oberste Etage des Blocks 3, auf der der Abklingbecken sich befindet, durch eine Wasserstoffexplosion zerstört und radioaktiv stark verseucht worden war.

In dem Becken liegen 514 gebrauchte und 52 ungebrauchte Brennstoffe. Am 15. April sollten die ungebrauchten Brennstoffe mit Fernbedienung herausgenommen und in ein spezielles Becken, das im gleichen Grundstück vorbereitet wurde, gebracht werden.

Sperrzone von Ookuma wird bald aufgehoben

Kahoku Shinpo, eine Lokalzeitung von Miyagi, berichtete am 26. März, dass die Anzahl der Geflüchteten aus Fukushima seit sieben Jahren stets abnimmt. Im Mai 2012 war es mit 164’865 am höchsten. Heute bleiben jedoch noch immer 42’105 von ihrer Heimat fern. Davon mehr als 40 % sind Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahre alt.

Gemäss Untersuchungen, die der Staat, die Präfektur und die Gemeinden zusammen durchführen, wollen nur 10.8% der Bewohner von Futaba in ihre Heimat zurück. Bei Bewohnern von Ookuma sind es 12.5 %. Jeweils rund 60 % haben nicht vor, in ihren Herkunftsort zurückzukehren.

Präfektur Fukushima beendete im März 2017 die finanzielle Unterstützung für die Miete in einem anderen Ort. Sie ist der Meinung, durch die Dekontaminierung sei die Strahlendosis so niedrig geworden, dass man dort ein sicheres Leben führen kann.

Von der Gemeinde Ookuma wurde damals, als sich die Atomkatastrophe ereignete, alle Bewohner evakuiert. Nun plant sie laut Kahoku Shinpo (Bericht vom 21. März), anfangs April die Sperrzone teilweise aufzuheben. Oogawara ist einer der beiden Bezirke, in die die Bewohner bald zurückkehren dürfen. Die Stadt Ookuma hat dort bereits ein neues Stadthaus gebaut. Dieser Bezirk hat jedoch lediglich 374 gemeldete Einwohner. Die Stadt ist indes daran, Stadtwohnungen für 50 Haushalte zu bauen, die in kommenden Juni einzugsbereit stehen sollen. Die japanische Regierung gab hier grünes Licht, weil sie folgende Bedingungen zur Aufhebung der Sperrzone erfüllt sieht.  Die kumulative Strahlendosis in einem Jahr soll weniger als 20 mSv sein; Wiederaufbau der Infrastruktur und lebenswichtige Versorgungsleitungen sowie Dekontaminierung sind fortgeschritten; Besprechungen mit der Präfektur und Bewohnern wurden gehalten.

Verschwindende Stimmen

Die japanische Regierung beeilt sich mit der Rückkehr der Bewohner in die von den radioaktiven Stoffen stark verseuchten Regionen. Vor zwei Jahren brach sie sogar die finanzielle Unterstützung für die Wohnung, die die Geflüchteten aus Fukushima in einem anderen Ort gefunden hatten, ab. Trotzdem bleiben heute noch über 40’000 Menschen von ihrer Heimat fern, schreibt der Leitartikel der Shinano-Mainichi-Zeitung, einer lokalen Zeitung in Nagano.

In die Gemeinde Namie, wo rund 80 % der gesamten Fläche nach wie vor gesperrt sind, waren bis heute 800 Bewohner zurückgekommen. Vor dem Atomunfall lebten hier mehr als 20’000. Nach der Aufhebung der Evakuierungsanordnung kamen lediglich 20 Prozent der Bewohner der gesamten einsten Sperrzone in ihr Haus zurück.

Aber das Leben in der traditionsreichen Heimat ist nicht einfach. Infrastruktur ist noch nicht genug vorhanden, junge Generationen haben Angst vor Radioaktivität, was selbstverständlich ist.

Neben der Aufräumarbeit in den havarierten Reaktoren und den radioaktiven Auswirkungen darf man diese sozialen Probleme auch nicht unterschätzen.