Kategorie: Allgemein

Arbeit im Kernkraftwerk

Tepco treibt laut Berichte der Tokyo Zeitung eine Vorbereitung für eine Untersuchung des Innenraums des Reaktorbehälters im Blocks 1 voran. Der Betreiber des havarierten Kernkraftwerks Fukushima I bohrte ein Loch in die Türe des Behälters, um  ab Oktober mit einem tauchbaren Roboter, der durch das Loch in die Innere des Behälters geschickt wird, den Zustand der geschmolzenen Kernbrennstoffe zu untersuchen, dabei wird einen Teil davon herausgeholt. Die Strahlendosis im Gebäude 1 beträgt heute max. 5150 mSv/Std.

Im Block 2 wird zurzeit eine Vorbereitung für die Herausnahme der abgebrannten Brennstoffe aus dem Abklingbecken, das sich im obersten Stockwerk befindet, getroffen. Vorerst müssen 44 Container, die Helme und Werkzeuge enthalten, mit einer fernbedienten Maschine aus dem Stockwerk herausgeholt werden. Diese Gegenstände wurden mithilfe eines Roboters in die Container gebracht. Auch hier ist eine Untersuchung des Reaktorbehälters ab Oktober geplant.

Beim Block 3 wurde eine Hülle über einem beschädigten Bereich des Dachs eingerichtet. Durch diesen Teil hatte das Regenwasser ins Gebäude gesickert, so dass es die Entstehung des radioaktiv verschmutzten Wassers verursacht hatte. Tepco will bis Ende September noch einen weiteren Bereich des Dachs vor dem Regen schützen.

Diese Reaktoren werden immer noch mit Wasser versorgt, um die verschmolzenen Brennstoffe abzukühlen. Weil die Hitzeerzeugung nun neun Jahre nach der Katastrophe massiv nachgelassen hat, will Tepco bald einen Test während drei bis fünf Tage durchführen, um zu sehen, ohne Wasserversorgung wie viel wärmer es im Reaktor wird.

Sperrung aufheben ohne Dekontaminierung

Die japanische Regierung will Sperrzonen in Fukushima nun ohne Dekontaminierung aufheben. Ursprünglich hat sie versprochen, die mit radioaktiven Stoffen kontaminierten Orten zuerst ausnahmslos zu dekontaminieren, um sie wieder bewohnbar zu machen. Der Grenzwert beträgt 20 mSv im Jahr.

Wenn die Strahlendosis natürlicherweise so stark abschwächt, dass sie unter den Grenzwert fällt, und dort niemand mehr wohnen würde oder die betroffene Gemeinde sich eine rasche Aufhebung der Evakuierungsanordnung auch ohne Dekontamination wünscht, sollte es aber bald möglich werden.

Das verlangt jedoch nur eine Gemeinde, nämlich Iidate, und alle andere wollen wie bis jetzt vor der Aufhebung der Anordnung eine Dekontaminierungsarbeit, deren Verantwortung der Staat übernehmen soll. Diese sechs Gemeinden planen, dass die Sperrung spätestes 2023 Frühling aufgehoben werden soll.

Im August 2013 gehörten insgesamt 11 Gemeinden der Präfektur Fukushima zur Sperrzone. Heute darf man sich in rund 70 % dieses Gebiets wieder frei bewegen und wohnen.

Zum 9. Jahrestag der Atomkatastrophe in Fukushima

Ich schenke Ihnen wie jedes Jahr eine Botschaft von Frau Ruiko Muto zum Jahrestag der   Atomkatastrophe in Fukushima.

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Botschaft von Frau Ruiko Muto
Sprecherin der Klägergruppe gegen TEPCO/Repräsentantin der Gruppe Frauen von Fukushima

Neun Jahre sind seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima vergangen. Zunächst möchte ich mich bei all denen bedanken, die sich für eine atomfreie Zukunft einsetzen und deren Gedanken bei uns sind.
Gerade ist Fukushima in aller Munde in ganz Japan wegen des Fackellaufs für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio, der im März in Fukushima starten soll und eine willkommene Gelegenheit ist, um die durch den Atomunfall entstandenen Folgen und Probleme rücksichtslos beiseitezuschieben oder geschickt zu verbergen. Auch die Gebiete, die bisher als „schwer zugänglich“ gegolten hatten, sind teilweise für die Rückkehr freigegeben worden. Die Bahnstrecke „Jôban-sen“, die seit dem Unfall unterbrochen blieb, wird demnächst wieder durchgängig befahrbar.

Vom J-Village, einem Fußballstadion, das ca. 20 km vom havarierten AKW Fukushima Daiichi entfernt liegt, soll der Fackellauf starten. Hier spielen bereits viele Fußballer – Kinder wie Erwachsene – aus dem ganzen Land. Die Präfektur Fukushima hat auf der gesamten Strecke des Fackellaufs Strahlungsmessungen durchgeführt, dabei wurden teilweise Messwerte von 0,77 Mikrosievert oder 0,46 Mikrosievert pro Stunde an Straßenrändern und auf Autostraßen registriert. Bisher hat man mindestens an 13 Stellen der Laufstrecken innerhalb der Präfektur Fukushima über 0,23 Mikrosievert pro Stunde gemessen, also Werte über dem Grenzwert, ab dem eine Dekontaminierungsarbeit eigentlich obligatorisch sein soll. Wir sind daher in Sorge, dass der Lauf sowohl bei den Fackelläufern als auch bei den Zuschauern an den Straßen gesundheitliche Folgen verursachen könnte. Man bezeichnet diese Olympischen Spiele als „Wiederaufbau-Olympiade“, aber es ist fraglich, was dabei für die Betroffenen „Wiederaufbau“ sein soll.

Überhaupt waren die Olympischen Sommerspiele 2020 einst mit der Lüge von Japans Premierminister Abe beworben worden, der sagte: „Die Situation in Fukushima ist unter Kontrolle“. Die Menge des durch das Filtersystem ALPS gefilterten Wassers, das in Wassertanks auf dem Gelände des havarierten AKWs abgefüllt und gelagert ist, überschreitet mittlerweile 1,2 Millionen Tonnen. Das Komitee des Wirtschaftsministeriums zur Frage über das verseuchte Wasser einigte sich nun auf eine Empfehlung, das gefilterte, aber noch radioaktiv belastete Wasser entweder ins Meer abzuleiten oder in Form von Dampf in die Atmosphäre abzulassen, mit der Begründung, die Anwohner dadurch entlasten zu wollen.

Dabei ist über andere alternative Methoden zur Wasserlagerung oder zur weiteren Filterung von noch enthaltenen Radionukliden (Tritium und anderen) nicht genug diskutiert worden und die Möglichkeiten sind noch nicht ausgeschöpft. Sowohl die Fischer als auch die Anwohner der
betroffenen Gebiete sind gegen diese Empfehlung. Die absichtliche Einbringung von radioaktiv verseuchtem Wasser ins Meer verstößt sowohl gegen das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen als auch die Londoner Konvention. Wir brauchen daher dringend Ihre Unterstützung aus der ganzen Welt: Bitte erheben Sie Ihre Stimme gegen dieses Vorhaben, damit Japan die Weltmeere nicht noch mehr verschmutzt.

Bei dem Abbau von einem der Ablufttürme der havarierten Reaktoren, der letztes Jahr begonnen hatte, sollte die ganze Operation ursprünglich durch Fernsteuerung durchgeführt werden, da sonst die Strahlung zu hoch ist, aber die Arbeit musste letztendlich doch durch Menschen fortgesetzt werden. Dabei mussten Arbeiter unter hoher Strahlungsgefahr mit dem Kran zur Spitze des Turms hinauffahren, um ihn Stück für Stück mit einer Fräsmaschine abzusägen. Die Unfälle von Arbeitern an der Atomruine häufen sich indes: Satoshi Haruhashi, ein japanischer Schriftsteller, berichtet in seinem Blog, dass es seit der Katastrophe bis zum Ende der ersten Jahreshälfte 2019 insgesamt 20 Tote, 24 Schwerverletzte, 29 Bewusstlose, 222 Verletzte und 101 Hitzeschläge gegeben habe, und dabei handele es sich nur um die offiziell von TEPCO bestätigten und anerkannten Zahlen.

Im September 2019 hat das Landesgericht von Tokio im Strafprozess gegen drei frühere Topmanager von TEPCO ein unglaubliches Urteil gefällt: Die Angeklagten wurden alle als „nicht schuldig“ freigesprochen. Das Urteil ist für alle Opfer der Nuklearkatastrophe inklusive derer in der Präfektur Fukushima inakzeptabel und hat uns bitter und tief enttäuscht. Der Staatsanwalt kritisierte: Das Urteil sei da, „um der Politik der Atomenergieförderung einen Gefallen zu erweisen“.

Das Urteil berücksichtigte kaum die zahlreichen Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die in 37 Hauptverhandlungen offengelegt worden waren. Stattdessen wurden fast ausschließlich Beweise und Argumentationen zugunsten von TEPCO hintereinander aufgezählt. Die durch den Atomunfall verursachten Schäden erwähnte das Urteil kaum.

Außerdem bestritt das Gericht gänzlich die Zuverlässigkeit der auf neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen basierenden Erdbeben- und Tsunami-Langzeitprognosen, die sogar ein Regierungsorgan veröffentlicht hatte. Im Hinblick auf das Sicherheitsniveau von Atomanlagen behauptete das Urteil, dass die „gesellschaftlichen Konventionen“, die sich in staatlichen
Vorschriften widerspiegeln würden, keine absolute Sicherheit in Atomanlagen verlangen würden.

Diese Interpretation widerspricht dem Urteil vom Obersten Gerichtshof von Itaka aus dem Jahr 1992, das die Notwendigkeit von allen möglichen Vorsichtsmaßnahmen anerkannte, die ergriffen werden sollen, damit jede Eventualität von Atomunfällen ausgeschlossen wird. Das ist ein klarer Rückschritt in der Justiz, und wir betrachten es als schwerwiegenden Fehler des Gerichtes.

Warum war es nicht möglich mit all den überzeugenden Zeugenaussagen und Beweismaterialien, die Verantwortlichen für schuldig zu befinden? Trotz der tiefen Enttäuschung haben wir Berufung eingelegt. Wir hoffen und erwarten sehr, dass das Gericht eine Burg der Gerechtigkeit ist, die komplett unabhängig von den anderen Gewalten urteilt. Jedenfalls sind wir entschlossen, weiter zu kämpfen, um unsere Würde wiederzufinden.

Lasst uns weiterhin die Kräfte vereinen, damit die Geschichte der Nukleartragödien so früh wie möglich zu Ende geht!

zum 11. März 2020 in Fukushima,
Muto Ruiko
http://hidanren.blogspot.de/
http://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.com/p/blog-page_5112.html
(Übersetzung aus dem Japanischen: Yû Kajikawa)

Der Zustand des Kernkraftwerks Fukushima I am Ende 2019

Anfang Dezember 2019 besichtigte ein Journalist der japanischen Nikkei-Zeitung mit anderen Berufskollegen zusammen das AKW Fukushima I. Sie mussten sich keinen schweren Schutzanzug mehr anziehen, es reichte nur noch eine dünne Weste und ein Dosimeter in der Brusttasche. Auf der Fläche von 96 % des Grundstücks kann man heute in üblichem Arbeitsanzug gehen und arbeiten, schreibt der Journalist in einem Artikel auf der Website, weil hochkontaminierte Schutt und Trümmer auf der Meeresseite aufgeräumt worden waren und die Erdoberfläche mit Mörtel sowie mit 5 cm dicke Eisenplatten bedeckt worden war.

Zurzeit wird am 120 Meter hohen Abzugstower fleissig gearbeitet. Tepco plant, den Schornstein von oben her eine Länge von drei Meter immer weiter nach unten abzuschneiden, bis er nur halb so hoch ist. Denn er verrostet stark und könnte irgendwann zerbrechen.

Beim Block 1 ist die radioaktive Verschmutzung des Deckenkrans zu hoch und die Arbeit kommt nur schwer voran.

Auch beim Block 2 wird nach wie vor eine hohe Strahlendosis nachgewiesen. Um insgesamt 615 Stücke zählender Kernbrennstoff aus dem Kühlbecken herauszuholen, plant der AKW-Betreiber nun, eine neue Anlage neben dem Gebäude zu bauen. Geräte, die bei der Entnahmearbeit eingesetzt werden, sollen in dieser Einrichtung errichtet werden und voraussichtlich im Jahre 2023 zu laufen beginnen.

Blocks 3 hat ein Dach bekommen und darunter wird die Entnahme des Brennstoffs vorangetrieben. Beim Block 4 wurden die gesamten 1535 Stücke bereits aus dem Kühlbecken entnommen.

Im Grundstück Fukushima I stehen riesige Tanken reihenweise. Darin befindet sich radioaktives Wasser mit Tritium. 2022 Sommer wird hier die maximale Kapazität erreicht werden. Deshalb erwägt die japanische Regierung, das Wasser in den Pazifik zu leiten, was doch viel Kritik aus dem Ausland und japanischen Fischern geerntet hat.

Rekontaminieren

Dieses Jahr haben erneut starke Taifune über Japan gefegt. Auch die Region Tohoku war betroffen. Greenpeace Japan zufolge sind dabei Laube und Äste, an denen radioaktiv verseuchter Schlamm festgeklebt ist, mit Regen und Wind in Flüssen und Wohngebieten gelangen und rekontaminierten Orte, die früher einmal dekontaminiert worden waren.

Bei einer diesjährigen Untersuchung hat die Umweltorganisation in einem Wald gegenüber einer Primarschule in Fukushima mehrere Hotspots gefunden. Die Werte überschreiten den Massstab der Regierung bei weitem. In der Gegend war die Evakuierungsanordnung bereits aufgehoben worden und die Einwohner sind teilweise zurückgekehrt.

Dekontaminierung der Wälder ist sehr schwierig und dementsprechend nicht genügend ausgeführt. Trotz der Risiken drängt die öffentliche Hand den Einwohner zur Rückkehr.