Verbleib der schwarzen Säcke

Bergen von schwarzen Plastiksäcken sind inzwischen ein bekanntes Bild von Fukushima geworden. Die Gemeinden herum um das havarierte AKW Fukushima I haben die radioaktiv kontaminierte Erde von der Erdoberfläche weggenommen, in den Plastiksack verstopft und ihn in den freien Grundstücken, Feldern oder Wäldern gesammelt. Manche Bewohner müssen im Alltag immer den Berg anschauen.

Nun verschwinden aber diese Berge langsam. In den Gemeinden Okuma und Futaba wird jetzt ein riesiges Zwischenlager gebaut und die schwarzen Säcke werden von 270 temporären Lagerplätzen her ununterbrochen dorthin gebracht. Plätze, wo bis vor kurzem die radioaktiven Abfälle aufbewahrt wurden, verwandeln sich teilweise ins Ackerland, wie es einmal gewesen ist, berichtet die Tokyo Zeitung.

Diese radioaktiven Abfälle werden in dem Zwischenlager 30 Jahren aufbewahrt und sollten bis 2045 in ein Endlager gebracht werden. Der Standort des Endlagers, das ausserhalb der Präfektur gebaut werden soll, ist allerdings noch nicht bestimmt.

Oshidori Mako & Ken

Gestern war das japanische Komiker-Paar „Oshidori“ in Zürich. Mako, die inzwischen die fleissigste Journalistin, die die Folge der Atomkatastrophe verfolgt, geworden ist, und Ken, ihr Ehemann, der sie beim Recherchen und Haushalt unterstützt, hielten in einer Aula der Universität Zürich einen dreistündigen Vortrag. Der Saal war gut besetzt, nicht nur Japaner sondern auch zahlreiche Schweizer sind gekommen.

Das Ehepaar besucht bereits seit einigen Jahren Deutschland, um an verschiedenen Orten über die Situation in Fukushima zu berichten, und dieses Jahr kam anschliessend nach dem Aufenthalt in Deutschland zum ersten Mal in die Schweiz.

Mako hat aus Wissensgier angefangen, über den Atomunfall in Fukushima zu recherchieren. Sie ist regelmässig bei der Pressekonferenz von Tepco, dem AKW-Betreiber der havarierten Reaktoren, und anderen Organisationen dabei und steht heute mit verschiedenen Experten in Kontakt. Sie scheint vor schier Energie zu platzen. Und das ist sie tatsächlich.

Beim Vortrag und danach kurz gezeigtem Performance war ihre vom Tiefen der Inneren herauskommende Vitalität zu spüren.

Trotz Druck von der Regierung und Tepco will sie weiterhin die Wahrheit wissen und sie an die Öffentlichkeit bringen. Das ist nur möglich, weil sie zu keiner Organisation wie Verlag oder TV-Sender gehört und sich alleine frei bewegen kann.

Aber das Interesse der japanischen Gesellschaft an Fukushima ist nicht mehr so gross wie unmittelbar nach der Katastrophe. Wahrscheinlich wissen viele Japaner von diesem aussergewöhnlichen Paar nicht. Sie publizieren heute ihre neuen Kenntnisse auf ihrer Website und geben sie an Forscher und Anwälte weiter, damit sie für die Situation der Leidende etwas Positives beitragen können. Und es gibt tatsächlich etwa positive Gerichtsurteile für sie. Der Kampf gegen Radioaktivität, gegen Tepco und gegen die japanische Regierung würde doch jahrelang, sogar jahrzehntelang dauern. Ich hoffe, dass ihre schätzenswürdige Arbeit auch so lang weiter gehen würde.

http://www.halbwertszeit-festival.ch/

Botschaft aus Japan

Zum 7. Fukushima-Jahrestag erhalten wir aus Japan eine Botschaft.

Botschaft von Frau Ruiko Muto
Sprecherin der Klägergruppe gegen TEPCO/Repräsentantin der Gruppe Frauen von Fukushima

An alle auf der Welt, deren Gedanken bei Fukushima sind

Sieben Jahre nach dem Atomunfall von Fukushima. Wieder nähert sich ein Jahrestag.
Zunächst möchte ich mich bei all denen bedanken, die seit jenem Katastrophentag 2011 Fukushima begleitet und uns unterstützt haben. Zur Zeit werden wir in Fukushima von Wörtern wie „Heimkehr“, „Wiederaufbau“ oder „Gesundheitsförderung“ umschwirrt. Im Hinblick auf die Olympiade 2020 wird ein gigantisches Wiederaufbaubudget aufgelegt. Vor allem entlang der Pazifikküste, die ja durch das Erdbeben besonders verheert war, werden unter dem Leitbild „Innovation Coast“ Anlagen zur Entwicklung von Reaktorrückbau- und Robotertechnik, riesige Windkraftwerke, Mega-Solaranlagen und Biomassekraftwerke auf Holzschnitzelbasis errichtet. Sogar in Futaba-machi, das am stärksten radioaktiv belastet ist, weil dort das Kraftwerk Fukushima Dai-ichi liegt, sind ein Archivgebäude und eine Gewerbehalle in Planung. Das Archiv, so heißt es, soll die Wahrheit über die Schäden durch die Reaktorunfälle bewahren und vermitteln, und zum Reiseziel für Klassenfahrten der Oberstufe und für Studienreisen werden. Bis zum Beginn der Olympiade will die Präfektur Fukushima sämtliche Evakuierten in ihre Heimatorte zurückgebracht und die Bahnstrecke entlang der Küste wieder vollständig für den Verkehr geöffnet haben.

Gerade deshalb kommt es zu schweren Menschenrechtsverletzungen. Die gegenwärtig verfolgte Rückkehrpolitik bedeutet keinesfalls, dass man eingeladen ist, an dekontaminierte, wieder in den ursprünglichen Zustand versetzte, sichere Orte zurückzukehren. Vielmehr wird man gezwungen, in Gegenden mit einer Jahresdosis von bis zu 20 MilliSievert zu leben, und so das Zwanzigfache der vor dem Unfall zulässigen Jahresdosis einfach hinzunehmen. An Erholung oder andere Strahlenschutzmaßnahmen nach der Rückkehr ist nicht gedacht, vielmehr werden nach Aufhebung der Evakuierungsanordnungen Entschädigungszahlungen für seelische Schäden oder die Wohnungsbeihilfe am Evakuierungsort einfach eingestellt, auch wenn man nicht zurückkehrt. So geraten manche mit einem Schlag in Not und Bedrängnis und kehren zurück, obwohl sie das nicht wollen, andere werden obdachlos oder nehmen sich sogar das Leben. Es gibt auch Familien, die auf Räumung ihrer Evakuierungswohnung verklagt wurden. In einer Untersuchung des UN-Menschenrechtsrates haben 4 Mitgliedsländer die japanische Regierung offiziell ermahnt, die Menschenrechtssituation der durch den Atomunfall Geschädigten zu verbessern.

Auf dem Gelände von Fukushima Dai-ichi gibt es weiterhin gravierende Probleme. Tritiumbelastetes Wasser lagert in über 800 Tausendtonnentanks. Der Vorsitzende der japanischen Atomaufsicht Fuketa und sein Vorgänger Tanaka touren durch die betroffenen Gemeinden und erklären: „Die Einleitung ins Meer ist die einzige Lösung“. Als Vierjährige habe ich zum ersten Mal in meinem Leben das Meer gesehen, das Meer vor Iwaki-shi in der Präfektur Fukushima. Noch heute habe ich den schönen Anblick vor Augen. Die Fischgründe dort galten als die drittgrößten der Welt, voll der verschiedensten Meereslebewesen. Ist das Meer nicht das, was die ganze Welt verbindet? Durch den Atomunfall sind schon viele radioaktive Partikel ins Meer gelangt, da darf man doch nicht auch noch willkürlich die Meere der Welt weiter verschmutzen. Man darf doch nicht zulassen, dass eine Institution, die eigentlich kontrollieren soll, sich für unkontrollierte Einleitung ins Meer einsetzt. Die Fischer von Fukushima wollen die Einleitung um jeden Preis verhindern. Ich bitte Sie, erheben Sie überall auf der Welt Ihre Stimme zur Unterstützung der Fischer!

Die Schilddrüsenreihenuntersuchungen im Rahmen der Gesundheitsstudie der Präfektur Fukushima haben inzwischen 193 Kinder und Jugendliche mit Schilddrüsenkrebs oder –krebsverdacht ermittelt. Unverändert erklärt der Lenkungsausschuss der Gesundheitsstudie, ein Zusammenhang der Erkrankungen mit dem AKW-Unfall sei schwer vorstellbar. Abgesehen von dieser Zahl sind im letzten Jahr Fälle von Schilddrüsenkrebs bekannt geworden, die von der Gesundheitsstudie nicht erfasst wurden. Manche Teilnehmer an der  Schilddrüsenreihenuntersuchung erhielten nämlich die Empfehlung „Verlauf beobachten“, und wenn bei ihnen vor der nächsten Reihenuntersuchung ein Schilddrüsenkrebs festgestellt wurde, wurde dieser nicht in die Zahlen der Reihenuntersuchung aufgenommen. Sowohl aus dem Steuerungsausschuss wie aus der Bevölkerung wurde Kritik laut: Man müsse doch feststellen, um wieviel Fälle es sich dabei handelte. Schließlich wurde die Medizinische Hochschule Fukushima mit einer Studie beauftragt; sie soll in zwei Jahren fertig sein. Obgleich die Schilddrüsenreihenuntersuchungen die einzigen systematischen Untersuchungen zur Gesundheit sind, liefern sie noch nicht einmal richtige Ergebnisse. Gegenwärtig gibt es eine
Bewegung, den Umfang der Schilddrüsenreihenuntersuchung zu verringern, die mit Begriffen wie „Überdiagnostik“, „Reihenuntersuchungen in Schulen verletzen Menschenrechte“, „Recht auf Nichtwissen“ operiert. Die Präfektur Fukushima, die zur Zeit des Unfalls die Verteilung von stabilem Jod verhindert hat, sollte aber zu ihrer Verantwortung stehen und die Schilddrüsenreihenuntersuchungen fortführen.

Als vor zwei Jahren berichtet wurde, Oberschüler aus der Stadt Fukushima hätten das AKW während der Aufräumarbeiten besichtigt, waren wir entsetzt. Jetzt hat auch die Universität Fukushima solche Besichtigungen in ihr Lehrprogramm aufgenommen. In kleinen Städten, deren Evakuierungsanordnung gerade aufgehoben wurde, fanden auch für Schüler von Fachoberschulen aus ganz Japan Wettbewerbe zum Bau von Robotern für die AKW-Aufräumarbeiten und ähnliches statt. In der Stadt, wo ich wohne, wurde das Bildungszentrum Radioaktivität „Comyutan Fukushima“, eine Einrichtung des Zentrums für Umweltmodellierung der Präfektur Fukushima, aufgebaut. Dort gibt es eine Ausstellung, in der man mittels Videos und Computerspielen etwas über Radioaktivität lernen soll. Seit der Eröffnung haben es etwa 100 000 Menschen innerhalb eines Jahres besucht. Schaut man sich an, was Kinder in das Besucherbuch geschrieben haben, findet man: „Gut, dass Radioaktivität nicht bloß gefährlich, sondern für Medizin und Naturwissenschaft wichtig ist,“ oder: „Ich habe gedacht, dass man vor Radioaktivität Angst haben muss, aber jetzt weiß ich, dass sie auch in der Natur und in Lebensmitteln vorkommt, und bin beruhigt,“ oder: „Wenn alle sich hier informieren könnten, würde auch die Diskriminierung von Fukushima verschwinden,“ und vieles andere dieser Art. Von einer Bildung, die auf die Gefahren durch gegenwärtig vorhandene radioaktive Substanzen eingeht, und zeigt, wie man sich davor schützen kann, ist das noch ziemlich weit entfernt, finde ich.

In dieser Situation gibt es noch viele Prozesse – um Entschädigung, um die Korrektur von
Verwaltungsentscheidungen, um strafrechtliche Verantwortung. Ein Zivilgericht hat in einem Urteil anerkannt, dass die Betreiberfirma Tepco und die japanische Regierung Tsunami-Schutzmaßnahmen vernachlässigt haben. In diesem Jahr sind noch weitere Urteile zu erwarten.

Im Juni letzten Jahres hat eine Klägergruppe von 14 000 Personen aus Fukushima und aus ganz Japan bei der Staatsanwaltschaft Fukushima Strafanzeige gestellt. Der daraus folgende Strafprozess wird nun endlich gegen drei ehemalige Vorstandsmitglieder von Tepco geführt, die alle auf „nicht schuldig“ plädierten. Die Staatsanwälte wiesen mit zahlreichen Beweismitteln nach, dass Tepco bei der Tsunamivorsorge untätig war. Damit hat ein geschichtlich bedeutender Kampf begonnen. Bitte verfolgen Sie den Prozess. Es findet auch eine an den Gerichtspräsidenten gerichtete „Unterschriftensammlung für ein strenges Urteil“ statt. Auf der Homepage der Unterstützergruppe gibt es auch ein Unterschriftsformular in englischer Sprache (https://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.de/p/pleasesign-petition.html). Bitte unterstützen auch Sie die Sammlung.

In diesem Winter war es auch in Fukushima sehr kalt. Aber unter der gefrorenen Erde liegen die
Samen, die im Frühjahr sprießen werden. Mögen auch wir im Jetzt aufrecht leben und nicht
vergessen, von einer anderen Zeit zu träumen. Wie die Meere die Welt verbinden, so wollen auch wir verbunden bleiben.

zum 11. März 2018 in Fukushima, Muto Ruiko
http://hidanren.blogspot.de/
http://kokuso-fukusimagenpatu.blogspot.de/
(aus dem Japanischen: Annette Hack)

Beunruhigende Gesundheitssituation in Tokyo

Herr Shigeru Mita ist Facharzt für innere Medizin. Sein Vater war auch Arzt und hatte eine Praxis in Tokyo. Herr Mita übernahm sie, aber nach dem Atomunfall von Fukushima zog er in die Präfektur Okayama, in den Westen, um. Vor dem Ausziehen aus der Hauptstadt Japans hatte er bereits zahlreiche Bewohner im Grossraum Tokyo untersucht und behandelt. In ihrer Krankheit sieht Herr Mita oft einen Zusammenhang mit dem AKW-Unfall.

Ihm fiel auf, dass seine Patienten immer mehr unter abnormales Nasenblut, Unterhautblutung, Schwellung an Lymphdrüse, Durchfall, Beschwerde am Atmungssystem, Unheilbarkeit oder zu langsame Heilung von Verletzungen leiden. Auch typische Kinder- und Erwachsenenkrankheiten treten in untypischen Altern auf, schreibt er auf seiner Website.

Mit einem Bluttest von rund 4’000 Menschen während fünf Jahren erkannte er, dass sich die Abnahme des weissen Blutkörperchens vor allem beim Säuglingen und Kleinkindern im ganzen Tokyo verbreitet hat. Für ihn ist es eine klare Tatsache, dass es diesen Gesundheitsschaden im Grossraum Tokyo gibt. Die Situation von Tokyo ist sogar schlimmer als in den Regionen von Fukushima, die relativ wenig konterminiert worden sind, oder nördlich von Tokyo.

Er beobachtet ausserdem, dass die folgenden Symptome seit 2016 rapid und stärker auftreten: Gedächtnisschwäche, Müdigkeit, Verschlechterung des Konzentration-, Urteils-, sowie Begriffsvermögens und unkontrollierbare Schläfrigkeit. Als klinischer Arzt erlebt er auch seit einigen Jahren nach dem Atomunfall immer mehr Patienten, bei denen ein Nachlassen vielseitiger Vermögen zu beobachten ist. Sie holen sich schnell eine leichte Krankheit, es gibt keine entsprechende oder verspätete Zunahme des weissen Blutkörperchens bei einer Infektion und die Heilkraft des verletzten Gewebes hat sich verschlechtert. Er untersuchte die Ursache und behandelt seine Patienten. Nach der Behandlung fühlen sich 70 bis 80 % besser, schreibt Herr Mita. Der ausführliche Bericht ist hier auf Englisch zu lesen.