Verschwindende Stimmen

Die japanische Regierung beeilt sich mit der Rückkehr der Bewohner in die von den radioaktiven Stoffen stark verseuchten Regionen. Vor zwei Jahren brach sie sogar die finanzielle Unterstützung für die Wohnung, die die Geflüchteten aus Fukushima in einem anderen Ort gefunden hatten, ab. Trotzdem bleiben heute noch über 40’000 Menschen von ihrer Heimat fern, schreibt der Leitartikel der Shinano-Mainichi-Zeitung, einer lokalen Zeitung in Nagano.

In die Gemeinde Namie, wo rund 80 % der gesamten Fläche nach wie vor gesperrt sind, waren bis heute 800 Bewohner zurückgekommen. Vor dem Atomunfall lebten hier mehr als 20’000. Nach der Aufhebung der Evakuierungsanordnung kamen lediglich 20 Prozent der Bewohner der gesamten einsten Sperrzone in ihr Haus zurück.

Aber das Leben in der traditionsreichen Heimat ist nicht einfach. Infrastruktur ist noch nicht genug vorhanden, junge Generationen haben Angst vor Radioaktivität, was selbstverständlich ist.

Neben der Aufräumarbeit in den havarierten Reaktoren und den radioaktiven Auswirkungen darf man diese sozialen Probleme auch nicht unterschätzen.

Eine Botschaft aus Fukushima

Eine Botschaft liegt vor mir. Sie wurde von einem jungen Japaner verfasst, der in Fukushima geboren und aufgewachsen ist. Er und seine Familie musste auf eingene Faust aus der Heimat fliehen, als das Kernkraftwerk Fukushima I aussser Kontrolle geriet.

Das Leben danach war nicht einfach, sogar qualvoll. Er und seine Mutter hielt vor dem Uno-Menschenrechtsrat in Genf aber auch in Deutschland eine Rede über ihre Situation.

Ich darf nun seine Botschaft hier vorstellen.

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Was ich jetzt schreibe, mag aus der Sicht der Anderen eine vernachlässigbar kleine Sorge sein. Aber es bereitet mir einen unermesslichen Schmerz, dass ich fast nicht mehr am Leben sein möchte. Nur daran zu denken geht schon nicht, und ich möchte es erst recht nicht in den Mund nehmen. Bisher konnte mit niemandem darüber sprechen. Es schriftlich niederzulegen konnte ich erst nicht akzeptieren. Auch als ich beschloss, diesen Brief zu schreiben, konnte ich lange nicht zum Stift greifen und musste lange leiden. Es in Worte zu fassen heißt, über meine Situation nachzudenken und diese unzumutbaren Umstände zu akzeptieren. Selbst das kann ich im Moment nicht. Aber ich kann nicht mehr ertragen, dass ich daran zugrunde gehe und habe mit letzter Kraft diesen Brief verfasst.

„Das Herz zerbricht“. Diesen Ausdruck habe ich immer für einen Kitsch aus einem Roman gehalten. Aber im Moment bin ich tatsächlich soweit, es fällt mir nur dieses Wort ein. Jeden Tag verhalte ich mich nach außen so cool wie möglich, aber ich merke, dass zunehmend etwas in mir zerbricht. Bemühungen, mein Leben zu retten, zerstören mein Herz. Ich weiß nicht, wie ich aus diesem Dilemma herauskommen soll.

Ich wurde in der Iwaki-City in der Präfektur Fukushima geboren. Ich wuchs mit meinen Eltern und dem 5 Jahre jüngeren Bruder auf. Damals habe ich im Frühling im Yorunomori-Park, berühmt gewordenen durch das Fernsehen, die Kirschblüten bewundert. Im Sommer sammelte ich im Meer Muscheln, im Wald Pilze. Im Winter baute ich Schneemänner, im Park oder auf dem Heimweg von der Schule pflückte ich Schachtelhalme, die meine Mutter gekocht hat.  Die liebte ich sehr. In unserem großen Garten wuchsen Blaubeeren, Shiitake und Minitomaten. In der Schule sammelte ich Insekten und machte Matschklöße.

Seit dem 11.3.2011 ist dieses schöne Leben verloren gegangen.  Wir mussten aus Fukushima fliehen und in Tokyo leben. Die japanische Regierung hat über unsere Stadt keinen Evakuierungsaufruf verhängt; aber die tatsächlich gemessene Verseuchung durch Radioaktivität war hier auch sehr gravierend. Sie erstreckte sich viel weiter als das eigentliche Evakuierungsgebiet und so mussten wir auf eigene Faust und Kosten fliehen, um der Verstrahlung zu entkommen. Auch auf den Yorunomori-Park sind unzählige Strahlen niedergegangen und die Erde in unserem Garten ist nach 7 Jahren immer noch hoch belastet. Am schwersten zu ertragen war das Mobbing in meiner Schule in Tokyo.  Meine Kunstwerke im Kunstunterricht wurden verschmiert oder wurden wie eine Seuche behandelt. Durch Kleinigkeiten wurde Gewalt an mir ausgeübt oder ich wurde ausgegrenzt, so dass ich immer Angst hatte, draußen zu spielen. Durch solche Vorkommnisse hatte ich ständig den Wunsch, tot zu sein. In einem Aufsatz habe ich als Neunjähriger sogar geschrieben, „ich möchte ins Paradies kommen“.

Viele, die keine Ahnung über die Atomflüchtlinge hatten, dachten wohl, wir hätten keinen Schaden durch die Katastrophe getragen, unser Haus stehe ja noch und wir seien gut durch den Staat entschädigt worden. Wir seien Nutznießer unserer Situation. Die japanische Allgemeinheit weiß gar nichts über die Tatsachen der Flüchtlinge, dass die freiwillig geflüchteten kaum entschädigt wurden. Das liegt daran, dass die japanische Regierung und Tokyo Electrics (TEPCO) die Sache völlig verschleiert und keine Fakten veröffentlicht.  Das ist ihre Pflicht, die Bürger darüber aufzuklären, wie gefährlich Radioaktivität ist, wie es im Moment in Fukushima aussieht und dass die Flüchtlinge außerhalb der Evakuierungszone kaum Entschädigung erhalten. Viele der geflüchteten Schüler erfuhren Mobbing wie ich. Meine Eltern und Lehrer haben sich für mich eingesetzt, aber an meiner Situation hat sich bis zum Schluss der Grundschulzeit nichts verändert. Damals spürte ich stets Lebensgefahr, so dass ich nie entspannt war.

Da diese Erfahrung so schmerzlich war, wählte ich eine Mittelschule weit weg von der Grundschule. Ich habe anderen Schülern verschwiegen, dass ich ein Flüchtling bin. Da wurde ich gar nicht mehr gemobbt. Ich war erstaunt, wie friedlich ein Schulleben ohne Mobbing ist und gewann auch bald Freunde auf der neuen Schule. Erstmals war ich glücklich.

Nach 2-3 Jahren jedoch fing mein Herz wieder an zu schmerzen. Da ich alles verheimlichte, konnte meinen Freunden nicht erzählen, dass ich in Fukushima geboren wurde, dort eine glückliche Jugend verbrachte, wie groß unser Haus in Fukushima ist und dass ich aus Angst vor Strahlung geflüchtet bin, dass wir immer noch in einem Flüchtlingsheim wohnen und dass die Regierung uns drängt, wieder nach Fukushima zurückzukehren, obwohl die Verseuchung immer noch hoch ist und dass das Leben als Flüchtling sehr unsicher und hart ist. Das meiste meines Lebens muss ich verbergen. Auch wenn ich gute Freunde haben möchte, kann ich nichts über mich erzählen. Immer steht Fukushima als Fußfessel zwischen mir und meinen Freunden. Ich möchte mich an ihrer Diskussion über Politik und Wirtschaft beteiligen, aber ich kann nur Oberflächliches beisteuern. Warum ich gegen die Atompolitik der Regierung bin; aber ich kann die wahren Hintergründe, meine Schmerzen, nicht erklären. Die Strahlung, die Verseuchung der Kommunen. So viele Ungerechtigkeiten sind eigentlich meine Probleme, aber das kann ich meinen Freunden nicht erzählen. Um mich zu schützen, erzähle ich nichts über Fukushima. Das war meine eigene Entscheidung zu schweigen. Ich kann mir meine Schwäche nicht verzeihen. So schmerzt mein Herz zum Zerbrechen.

Das passiert nicht nur in der Schule. Wenn ich in Foren über die Flucht oder Fukushima erzähle, erfolgt alles anonym. Auch Fotos veröffentliche ich nicht. Sonst befürchte ich von Mitmenschen üble Nachrede. Obwohl ich nichts Unrechtes getan habe, muss ich wie ein Schwerverbrecher meinen Namen und Gesicht bedeckt halten. Aber wer glaubt denn einer Aussage von jemandem, der noch nicht mal Gesicht und Namen preisgibt? Das ist für mich auch ein großes Dilemma. Ich möchte Freunden und Leuten offen gegenüberstehen und die Wahrheit meiner Erfahrung erzählen. Wenn sie es aber nicht akzeptieren, verliere ich wieder den hart erkämpften Frieden. Das befürchte ich am meisten. Wie werde ich dieses Leiden los? Es gibt bestimmt noch andere mit gleichen Problemen wie ich.

Nur Erwachsene genießen den Profit durch AKWs. Den Unfall verursacht haben auch sie. Aber WIR Kinder leiden durch unsere getrennt lebenden Familien, Sorgen, dass eines Tages die Krankheit ausbrechen kann, und durch Mobbing in der Schule. Leider haben die radioaktiven Substanzen längere Lebensdauer als wir. Ihre Auswirkung tritt erst nach 10, 20, gar 40 Jahren in Erscheinung. Wir werden noch lange auf der Flucht vor Strahlung leben müssen, bis Fukushima sicher ist. Aber durch das Leben in großer Heimlichkeit bin ich jetzt schon am Ende.

Warum werden wir gemobbt, nur dadurch, dass wir auf der Flucht sind? Nicht nur wir Kinder, auch Erwachsene werden ausgegrenzt, gemobbt und beleidigt. Warum ausgerechnet wir, die schon so viel durch die Katastrophe leiden mussten? Das liegt daran, dass die Atompolitik eine Landesstrategie ist und die Aussagen der Betroffenen diese Strategie zunichte macht. Um weitere AKW in Betrieb zu nehmen, muss die Problematik verharmlost und darf nicht in den Mund genommen werden. Die verzerrte Politik des Landes und die Propaganda zerstören die Welt nicht nur die der Erwachsenen, sondern auch die der Kinder.

Ob wir es wünschen oder nicht, werden wir in Zukunft mit den Abfallstoffen, die die Erwachsenen verursacht haben, leben müssen. Die Erwachsenen, die uns mundtot machen und Schaden zufügen, werden tot sein, bevor die verheerenden Folgen ans Tageslicht treten. Können wir es zulassen? Sie haben so viel Geld verdient und gelogen wie sie wollten und lassen es zu, dass die Weltmeere verschmutzt werden und die Verantwortung uns Kindern überlassen? Das ist zu bequem!

Meine nicht ausgesprochenen Gedanken quellen über. Mein Wunsch ist eigentlich einfach. Ich möchte in Frieden in einer Welt leben, wo ich nichts verheimlichen muss. Aber im heutigen Japan müssen Opfer der Atomkatastrophe Augen, Mund und Ohren verschließen, damit wir in Sicherheit leben können. Bitte rettet uns aus dieser verzerrten Welt.

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Probleme im Block 3

Die Tokyo Zeitung, die regelmässig über die Situation in Fukushima berichtet, wirft Fragen um die Haltung der Tepco. Die Betreiberin des havarierten Kernkraftwerks Fukushima I hatte ursprünglich vor, im November mit dem Herausnehmen der Brennstoffe vom Block 3 zu beginnen. Es verzögert sich aber um unbestimmte Zeit, weil sie mit vielen Problemen zu kämpfen hat.

Gemäss der Zeitung fand man bereits vor der Errichtung mehr als dreissig Mangel an der Anlage, die die Brennstoffe aus dem Kühlbecken herausnehmen und sie in ein spezielles Gefäss stellen sollte. Sie steht still heute im Gebäude, aufgrund einer Leitungsunterbrechung wegen in Verbindungsstellen des Kabels durchdrungenen Regenwassers.

Auch der Kran, der das Gefäss auf das Erdgeschoss bringen sollte, steht wegen der fehlerhaften Einstellung der Voltspannung einfach da.

Seit September ist Tepco dabei, die Anlage nachzuprüfen, doch aus dem Missstand kommt sie nicht heraus und Fehler häuften sich immer mehr. Das alles wegen lascher Qualitätskontrollen und nachlässiges Lieferantenmanagements, rügt die japanische Atomkraftregulierungskommission.