Monat: Januar 2013

„Aiku“ und „Shimakuma“

Laut Wiederaufbaubehörde leben immer noch rund 321’000 Menschen im ganzen Japan verteilt in einem provisorischen Zustand. Die vier Mitgliederinnen der Gruppe „Aiku“ gehören auch dazu. Sie sind nach dem Atomunfall im AKW Fukushima I von ihrer Heimat Okuma-mach, wo das havarierte Kernkraftwerk steht, nach Aizu-Wakamatsu geflüchtet.

Als ihr Leben in der bekannten Burgstadt in der selben Präfektur mehr oder weniger ins Lot kam, gerieten sie in einen emotionalen Tief, weil sie nicht wussten, wie sie die Zeit totschlagen können. „Wenn ich einfach dasitzt, ohne etwas zu tun zu haben, male ich mir meine Zukunft nur negativ aus“, sagte eine Frau zu Asahi-Zeitung.

Vier Frauen an der vordersten Reihe sind Mitglied von "Aiku". Der grosse Mann zuhinterst ist Herr Yu Oride

Vier Frauen an der vordersten Reihe sind Mitglied von „Aiku“. Der grosse Mann zuhinterst ist Herr Yu Oride

Heute produzieren sie „Aiku“ und „Shimakuma“, Bären aus Stoff, in Aizu-Wakamatsu. Die Initiantin, Yauko Shoji, hatte in Okuma-mach 30 Jahre lang Strickwaren für Boutiquen und Bekannten hergestellt. Die Bären werden heute in verschiedenen Orten als Waren aus vom Erdbeben und Tsunami betroffenen Gebiet verkauft. Ihr Ziel ist aber, dass die Konsumenten sie kaufen, weil sie kaufenswert sind.

Die Bären aus dem traditionell hergestellten Baumwollstoff von der Gegend werden heute auch im Netz angeboten.

https://deriolabo.stores.jp/#!/

Der Betreiber der Webseite heisst Yu Oride. Er besuchte letzten Juni Fukushima und Miyagi, um den allgemeinen Zustand der Reisfelder zu sehen, weil er damals Bio-Agrarprodukte aus Tohoku, Nordostjapan, verkaufte. Dort traf er die Mitgliederinnen von „Aiku“ in einer provisorischen Wohnung und sah, wie sie sich wegen der Abnahme der Bewohner Sorgen machten. Sie fürchten, dass ihre Heimat irgendwann vergessen wird. Für Oride war es klar: Jetzt ist die Zeit, Arbeitsplatz zu schaffen, damit Menschen wieder in die Stadt zurückkommen. „Eine Arbeit als Stadtsymbol muss geschaffen werden.“ Ihm kamen die „Aiku“-Mitgliederinnen wie jene Japaner vor, die nach dem verlorenen Krieg wieder aufstanden, obwohl der 25-Jährige Oribe keine Kriegserfahrung hat.

"Aiku" hat eine Botschaft: "Vergiss nicht von Okuma-mach!"

„Aiku“ hat eine Botschaft: „Vergiss nicht von Okuma-mach!“

 

Shimakuma aus dem Aizu-Baumwollstoff

Shimakuma aus dem Aizu-Baumwollstoff

 

 

 

 

 

 

 

Er verbrachte seine Kindzeit in Fukushima. Das mit der Natur eng verbundene Leben weckte sein Interesse an der Landwirtschaft. In Tohoku war er erleichtert, als er sah, dass der Reis wieder angebaut wurde. „Die japanische Landwirtschaft hat noch eine Zukunft!“ Oride versucht jetzt aber hauptsächlich, einen grösseren Markt für die beiden Teddybären zu erschliessen. „Frau Shoji sagt, sie wird fit und lebendig, wenn sie zu arbeiten hat.“

Schlampige Dekontaminierungsarbeit

Asahi-Zeitung hat neulich aufgedeckt, dass die Dekontaminierungsarbeit in Fukushima teilweise schlampig ausgeführt wird. Im letzten Dezember haben vier Journalisten von der zweitgrössten Zeitung Japans an 13 verschiedenen Stellen in den drei Gemeinden, Naraha, Iitate und Tamura, beobachtet, wie die Dekontaminierungsarbeiter die Erde, welke Blätter und das Reinigungswasser nicht wie angeordnet eingesammelt sondern einfach weggeworfen haben.

Die Arbeiter, die in der illegalen Weise die radioaktiv verseuchten Erden und Blätter in den Fluss und Abhang entsorgt haben, sagten aus, dass sie von den grossen Baufirmen, denen die Regierung einen Auftrag zur Dekontaminierung erteilt hatte, dazu angewiesen wurden. Viele behaupteten ausserdem, dass die Arbeit nie fertig werde, wenn man sie so verrichten würden, wie es geregelt ist.

Laut Asahi-Zeitung haben sich zahlreiche Bewohner schon über die Art und Weise der Dekontaminierungsarbeit beschwert. Das zuständige Büro des Umweltministeriums in Fukushima behauptet zwar, dass man die Reklamation an die zuständigen Firmen weitergeleitet und dabei aufgefordert hat, die kontaminierten Mülle richtig zu entsorgen, versäumte jedoch, das Detail der telefonischen Beschwerde zu dokumentieren und die betroffenen Firmen ernsthaft zu kritisieren. Ein Arbeiter hat sogar direkt dem Umweltministerium informiert, dass er die kontaminierten Pflanzen in den Abhang werfen musste. Aber danach sei auch nichts geändert worden, sagt

Eine Nacht zu Hause

Anders als in Europa feiern Japaner Silvester und Neujahr zu Hause im Familienkreis. In gewissen Teilen der Evakuierungszone in Fukushima durften Einwohner speziell vom 31. Dezember bis 1. Januar nach Hause gehen. Gemäss japanischen Medienberichten kamen jedoch bloss 525 Menschen in der Tat nach Hause. Gemeldet haben sich rund 8’000. Die meisten mussten auf die zweitägige Rückkehr verzichten, weil die Strahlungsdosis in der Heimat noch zu hoch war.

Laut einer Webseite, die den Evakuierten Information liefert, wurden am 26. Dezember 2012 mehr als 320’000 gezählt, die ihre Heimat in den von der Katastrophe vom 11. März 2011 stark betroffenen Präfekturen, namentlich Iwate, Miyagi und Fukushima, vorläufig verlassen haben und noch nicht zurückgekehrt sind. Evakuierte aus der Präfektur Fukusima machen zurzeit noch rund 58’000 aus.

Unmittelbar nach dem Erdbeben und Tsunami waren über 400’000 Menschen evakuiert worden. Bis 26. Dezember 2012 wurden der Tod von 15’879 Menschen bestätigt, 2’712 werden noch vermisst.